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Der Philosophie Blog

2020:Das Ende der Aufklärung?

Blickt man zurück auf das vergangene Jahr, so lässt sich unter anderem die Frage stelllen, welche Schlussfolgerungen man ziehen soll. Denn um das Zukünftige zu verstehen, braucht man immer ein Verstädnis vom Vergangenen. Dieser Verstädnisprozess ist meist in der Gegenwart angesiedelt.
Zunächst ein Blick in das vergangene Jahr. Was waren die bewegenden Themen im letzten Jahr? Trump, die Proteste in Hongkong, die zunehmende Konzentration von Reichtum und Macht und die damit einhergehende Ausbeutung von Entwicklungsländern? Der immer weiter voranschreitende Klimawandel und das damit einhergehende, nie stoppen wollende Streben nach immer mehr Wirtschaftswachstum (koste es, was es wolle)?

Man braucht diese Aspekte nicht im Detail zu erläutern, um zu verstehen, dass wir in einem Zeitalter leben, in welchem es mit dem Vernunftgebrauch- diejenige Autorität, welche einst im Zeitalter der Aufklärung die kirchliche ablösen sollte- am Ende scheint. Das Wort scheint sei an dieser Stelle bewusst hervorzuheben, denn wie so oft kann der Schein auch trügen.

Werfen wir zunächst einen Blick auf Trump. Eines der maßgeblichen Probleme im Trump-Zeitalter scheint die Tatsache zu sein, dass Fakten- und damit die Wahrheit- nicht mehr viel zählen. Dabei sollte es doch ein wesentliches Kennzeichen unserer Demokratien sein, nach Wahrheit zu streben. Das hatte bereits der großartige Philosoph John Stuart Mill erkannt, wenn er schreibt, dass die Meinungsfreiheit in demokratischen Gesellschaften ebendiese Form der Wahrheitsfindung erst ermöglicht.

Sowohl die gegenwärtigen sozialen als auch institutionellen Beschneidungen der Meinungsfreiheit sind von daher mit einer ebenso großen Skepsis zu betrachten. Noch einmal sei an dieser Stelle erwähnt, dass mit Meinungfreiheit das Streben nach Wahrheit bezeichnet wird und nicht, um es mit Harry G. Frankfrut auszudrücken, einfach irgendeine Form des Bullshits zu verbreiten, welcher sowohl die Wahrheit als auch die Unwahrheit als nichtig denunziert (2016, 44). Sowohl der Wahrheit, als auch der Lüge geht es im Endeffekt immer noch um die Wahrheit, denn beide instrumentalisieren das Prinzip des Wahrheit auf jeweils unterschiedliche Weise. Wahrheit wäre ohne seine – im hegelianischen Sinne- dialektische Umkehrung nicht denkbar.

Es gibt neben dem auch Staaten, welche einen autoritären Anspruch auf nur eine einzige Form der Wahrheit erheben. In diesem Zusammenhang sei zum Beispiel Chinas immer wichtiger werdende Rolle in der Weltpolitk zu erwähnen. Während die KPCH Umerziehungslager für die Uiguren errichtet (Naß, 2019), welche uns an unsere schlimmsten historischen Kapitel erinnern und die chinesische Bevölkerung digitalen Systemen zur Sozialkontrolle unterwirft (Kühnreich, 2018), mag man in der Tat zu der Schlussfolgerung gelangen, dass unsere gegenwärtige Lage mehr als hoffnungslos ist.
Aber auch inmitten unserer Gesellschaft wurden wir im vergangenen jahr wieder an die dunkelsten Etappen der deutschen Geschichte erinnert, nicht zuletzt aufgrunde der besorgniserregenden Entwicklung, welche sich abzeichnet, wenn der Antisemtismus wieder inmitten unserer Gesellschaft angekommen ist.

All diese Dinge geben in der Tat berechtigten Anlass zur Hoffnungslosigkeit, da Vernunft, Anstand und Sitte in unserem gegenwärtigen Zeitalter nicht mehr viel zu zählen scheinen. Alles scheint nurmehr jeglicher Form von moralischen und epistemologischen Relativismen unterworfen zu werden.
Dennoch birgt sich in der Hoffnungslosigkeit selbst- um auf einen Buchtitel Slavoj Zizeks anzuspielen- eine gewisse Form des Muts, da durch die Hoffnungslosigkeit selbst erst wieder Fundamente für neuere Formen der Hoffnung gelegt werden. Denn nur wer den gegenwärtigen Zustand als hoffnungslos degradiert, kann nach viablen Alternativen suchen.

Ob Weltpolitik, Privatleben, Historie oder Gesellschaftspolitik: alles ist letzendlich ein trial and error Prozess. Karl Popper lag  (in abgewandelter Form hat auch Mill diesen Punkt bei seiner Verteidigung der Meinungsfreiheit vertreten) richtig, als er grundlegende Prozesse der wissenschaftlichen Erkenntnisgewinnung auf unser eigenes Leben übertrug. Denn es scheint in der Tat richtig, dass wir in Hypothesen leben. Stellt sich die eine Hypothese als falsch heraus, stellen wir einfach eine neue auf, um uns dem Prinzip der Wahrheit graduell immer weiter anzunähern. Dabei bleibt jedoch stets anzumerken, dass wir das Ideal der Wahrheit niemals vollständig erreichen werden.
Diese Erkenntnis scheint in unserem gegenwärtigen Zeitalter mehr als bedeutsam und sollte in der Tat Anlass zur Hoffnung geben, denn letztendlich ist der Weg das Ziel.
Wie also reagieren, wenn wir über die gegenwärtig zu schwinden scheinenden Ideale der Aufklärung lamentieren?
Hierzu sei zunächst auf den 1784 vom Immanuel Kant veröffentlichten Aufsatz Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? zu verweisen.
In den ersten Zeilen, welche jeder Philosophiestundent womöglich im Schlaf herunterbeten kann, definiert Kant den Begriff der Aufklärung als den

„[…] Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines eigenen Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen […]“ (Kant, 1784, 7),

Es gibt jedoch eine wunderschöne Zeile in Kants Aufsatz, welche weit weniger zitiert wird, aber dennoch – gerade im Hinblick auf die heutige Zeit- den größten Nährboden für Hoffnung darstellt. Gerade mal ein paar Seiten weiter führt Kant aus:

„Wenn denn nun gefragt wird: Leben wir jetzt in einem aufgeklärten Zeitalter? so ist die Antwort: Nein, aber wohl in einem Zeitalter der Aufklärung„(ebd., 1784, 14).

Aufkärung ist, ebenso wie das mit dieser verbundene Prinzip der Wahrheit, immer als etwas Prozesshaftes zu verstehen, welches niemals den Anspruch auf Endgültigkeit erheben kann, aber nach dem wir jederzeit streben sollten. Dieses Streben bleibt ein ständiger trial and error- Prozess, oder, um es mit Poppers Worten Worten auszudrücken, ein ständige Falsikfikation von Hypothesen, deren endgültige Verifikation wir aber niemals erreichen werden.

Dieses Streben nach Wahrheit, Vernunft, neuen Hypothesen und aufklärerischen Idealen sehen wir auch immer noch im gegenwärtigen Weltgeschehen. Ich würde sogar behaupten, dass wir im aufgeklärtesten Zeitalter überhaupt leben. Dies lässt sich nicht zuletzt an all den zahlreichen Protesten veranschaulichen, welche derzeit auf der ganzen Welt stattfinden und das Jahr 2019 maßgeblich geprägt haben.

Hier sei zunächst auf die mutigen Protestierenden in Hongkong zu verweisen, welche für liberale Werte wie die Presse- und Meinungsfreiheit, entgegen aller Drohungen der Peking-Regierung entschieden weiter auf die Straße gegangen sind und immer noch gehen.

Darüber hinaus sei auf die zahlreichen Proteste in vielen Ländern Lateinamerikas hinzuweisen, welche verdeutlichen, dass die durch Marktradikalismus erzeugten sozialen Ungleicheiten, ebenfalls auf Hypothesen beruhen, welche falsifiziert gehören.

Was ist mit all den 2000 Gegendemonstranten, die auftauchen wenn 200 Rechtsextreme eine Demo abhalten?

Und nicht zuletzt seien all die jungen Menschen zu erwähnen, welche weltweit für eine gerechtere, nachhaltigere und CO2- neutralere Zukunft auf die Straße gehen, um den Klimawandel in Schach zu halten. Noch nie waren junge Menschen seit der 68er Bewegung so aktiv wie heute.

Nein, das Zeitalter der Aufkärung ist noch lange nicht vorbei. Wir stecken mitten drin, und jeder kann zu diesem Prozess etwas beitragen. Wir müssen nur die gegenwärtige Lage als hoffnungslos identifizieren, und nach alternativen Hypothesen suchen und für diese kämpfen. Und sollten sich diese ebenfalls als falsch erweisen, stellen wir einfach neue auf.

Quellen: 

Trump und Nordsyrien: Was würde Machiavelli denken?

Die jüngsten Ereignisse in Nordsyrien werfen einige Fragen auf. Zunächst  einmal warum Trump sich dazu entschieden hat, die Kurden einer derart aussichtslosen Lage zu überlassen.

Diese Frage ist zunächst relativ leicht zu beantworten, da sie sich problemlos in die isolationistische Politikführung Trumps einordnen lässt. Weitaus interessanter scheint jedoch die Frage, welche Rolle nun Europa im Allgemeinen und Deutschland im Speziellen in einer derartigen Situation zukommen sollte. Das Wort „sollte“ sei an dieser Stelle bewusst hervorzuheben, da die derzeitige Sitation mit einigen normativen Pflichten einhergeht, welchen sich Deutschland unweigerlich- zumindest in ideeller Hinsicht- zu stellen hat.

Insbesondere im Hinblick auf die Tragik, welcher die kurdische Bevölkerung sich derzeit ausgesetzt sieht, gilt es an dieser Stelle etwas tiefer zu bohren. In einer Kolumne der Zeit hebt Mark Schieritz recht treffend hervor:

,,Wenn man sich die Äußerungen des US-Präsidenten genau anschaut, dann wird die Logik seiner Entscheidung schnell klar: Trump sieht keinen Wert darin, sich in eine Auseinandersetzung einzumischen, wenn dabei aus seiner Sicht nichts für ihn selbst herausspringt“.

Hier hebt Schieritz die – eigentlich relativ leicht verständlichen- psychologischen Grundmechanismen der geopolitischen Führungsstrategien Trumps zugrunde.

Der Rückzug der US-Truppen war reines Mittel zum Zweck. Wann immer es Trump den eigenen Zwecken dienlich scheint, kann man auch getrost die eigenen Verbündeten im Stich lassen. Der Zweck in diesem Fall- wie auch in vielen anderen Fällen- lautet: Isolation. Im Hinblick auf den Fall Nordkorea mag man schon beinahe geneigt sein die Trumpsche Isolationspolitik als etwas Positives zu betrachten, scheint sie doch darauf ausgerichtet zu sein Konflikte zu verhindern und militärischen Auseinandersetzungen aus dem Weg zu gehen.

An dieser Stelle kann man jedoch einen als relativ gefährlich zu erachtenden logischen Trugschluss anheimfallen, welcher wie folgt lautet:

Passivität (P) verringert Aggressivität (A). 

Unter Passivität sei in diesem Zusammenhang militärischer Rückzug zu verstehen und unter Aggressivität = militärische Konfrontation/Gewalt.

Insbesondere Trumps Handeln im Hinblick auf Nordkorea kann unbestreitbar zu einer derartigen Conclusio verleiten. Betrachtet man jedoch das Fallbeispiel Nordsyriens, so wird relativ schnell deutlich, dass (P) sogar (A) auf eine nicht unbeträchtliche Weise aggregieren kann.

(P) = Trumps Rückzug hatt effektiv zu (A) = einer Militäroffensive der Türkei geführt.

Was lässt sich aus diesem Gesichtspunkt schlussfolgern?

Die ganz einfache Tatsache, dass (P) sowohl im Hinblick auf seine Kausalität als auch im Hinblick auf seine Wirkung als nicht kontingent zu erachten ist. Die Wirkungen von (P) haben im Fall Norsyriens nicht zu einer Konfliktvermeidung, sondern im Gegenteil, zu einer Verschärfung der Aggressionen gegenüber der kurdischen Bevölkerung in Rojave geführt. (P) hat demnach also (A) effektiv gesteigert, was wiederum die Inkontingenz der Wirkungen von (P) verdeutlicht.

Viel interessanter scheint es jedoch in diesem Zusammenhang die Inkontingenz der kausalen Ursprünge von (P)  zu betrachten. Im Hinblick auf eine derartige Überlegung lässt sich zunächst konstatieren, dass sich  (P) -im geopolitischen Sinne-   traditionell auf drei kausale Ursprünge zurückführen lässt:

(I) auf eine bewusste militärische Aggresionsvermeidung (AV)

(II) auf eine bewusste miltärische Aggressionssteigerung (AS)

(III) auf eigene Interessen (I).

Für den ersten kausalen Ursprung lässt sich beispelsweise Trumps Politik im Hinblick auf Nordkorea oder Deutschlands damalige Außenpolitik bezüglich des Irak-Krieges anführen.

Im Hinblick auf den zweiten Punkt sei zunächst zu erwähnen, dass eine (AS), welche sich auf (P) zurückführen lässt, meist ohne eigenes Zutun ihre Verwirklichung findet und intentional zwei militärische Konfliktparteien gegeneinander ausspielt, mit dem festen Wissen, dass die Chancen auf einen militärischen Sieg für eine der beiden Parteien sehr niedrig sind.

Am interessantesten scheint im Hinblick auf Rojava jedoch der dritte Punkt. An dieser Stelle könnte man leicht den confirmation bias der heutigen Zeit erliegen und glauben, dass Trump- dem gängigen Narrativ folgend- bewusst eine Aggresionverminderung zum Ziel hat. Insbesondere wird die den kausalen Ursprüngen von (P) innewohnende Inkontingenz deutlich.

Statt (AV) trifft in diesem Fall nämlich vielmehr (I) zu. Wie bereits zuvor unter Bezugnahme auf Schieritz dargelegt, sieht Trump „[…] keinen Wert darin, sich in eine Auseinandersetzung einzumischen, wenn dabei aus seiner Sicht nichts für ihn selbst herausspringt“.

Die militärische Unterstützung der Kurden- ungeachtet dessen, dass durch die eigene miltärische Passivität eine humanitäre Katastrophe ausgelöst wurde- dient schlicht und ergreifend nicht den eigenen Interessen.

Und mit eigenen Interessen sind in diesem Zusammenhang die Interessen Trumps gemeint.

Dies wird sowohl durch den Widerstand  von republikanischer als auch von demokratischer Seite deutlich. In vielerlei Hinsicht erinnert das Handeln von Trump an die Gundsätze des aus Florenz stammenden politischen Philosophen Niccolò Machiavelli.

Ein Grundsatz, welcher der Machiavellischen Moralgesinnung häufig zugeschrieben wird, lautet: Der Zweck heiligt die Mittel.  In seinem Werk Die Discorsi – Das Wesen einer starken Republik verteidigt Machiavelli (scheinbar) unter anderem die Ansicht, dass Grausamkeit durchaus zweckdienlich sein kann, und von daher in bestimmten Fällen sogar gefördert werden sollte.

Die Tatsache, dass scheinbare Laster gut verwendet werden können und scheinbare Tugenden schlecht genutzt werden können, deutet darauf hin, dass es eine Instrumentalität der skrupellosen Ethik gibt, die über die traditionelle Darstellung der Tugenden hinausgeht (vgl. Honeycutt, IEP).  Tugenden und Sünden sind laut Machiavelli als etwas außerhalb ihrer selbst stehendes zu betrachten und damit jeglichen normativen Bezugsrahmen entzogen. Man kann also das Gute für das Schlechte und das Schlechte für das Gute instrumentalisieren. Auch wenn bis heute umstritten ist, ob Machiavelli all diese Ausführungen in aller Ernsthaftigkeit vertreten hat, so lassen sie sich dennoch im Hinblick auf Trumps derzeitiges Handeln wunderbar anwenden. (P) stellt in diesem Fall das Mittel zu Durchsetzung eigener Interessen dar.

In diesem Fall steht Deutschland jedoch keineswegs lumpenrein da. Als die US-Regierung Deutschland damals um militärische Unterstützung gebeten hatte, wurde diese von deutscher Seite untersagt (ungeachtet dessen, dass zahlreiche Waffenexporte zur Aufwertung des eigenen BIP’s dennoch weiterliefen).

Dennoch gilt es jetzt den Blick in die Zukunft zu richten. Die entscheidende Frage lautet:

Was soll Europa in einem Zeitalter einer Isolationspolitk von US-Seite und den immer deutlicher werdenden Anstieg von China als Wirtschaftsmacht tun?

Am wichtigsten scheint in diesem Zusammenhang, dass eine politische und damit militärische Einigung Europas stattfinden sollte.

Das bedeutet, dass sowohl in politischer, wirtschaftlicher und militärischer Hinsicht eine engere Zusammenarbeit zwischen den einzelnen EU-Staaten zu erfolgen hat. In einem Zeitalter territorialer Isolationsprozesse, in denen internationale Abkommen eine teilweise nur noch formelle Gültigkeit haben  scheint dieser Schritt unvermeidlich. Schieritz führt in diesem Zusammenhang passend aus

„In der Wirtschaftspolitik findet bereits ein Umdenken statt: Das Handelsabkommen mit den Ländern Südamerikas hat eine geopolitische Komponente: Es soll diese Länder an Europa binden. Der geplante Kohlendioxidzoll – eine Abgabe auf Einfuhren gestaffelt nach ihrer CO2-Intensität – folgt einer ähnlichen Philosophie: Europa würde die wirtschaftliche Macht des Binnenmarkts einsetzen, um den Rest der Welt zu einer klimafreundlicheren Politik zu zwingen.
Ähnliche Entschlossenheit wäre in der Verteidigungspolitik nötig. Europa sollte entweder auf eine gemeinsame Armee setzen oder zumindest die nationalen Armeen stärken und einen glaubwürdigen nuklearen Abschreckungsschirm aufbauen. Das ist unumgänglich in einer Welt, in der sich alte Bündnisse auflösen.
Man muss die Militarisierung Europas als progressives Projekt begreifen: Sie dient der Verteidigung der zivilisatorischen Errungenschaften der Nachkriegszeit. Es wäre viel gewonnen, wenn das linke Lager in Deutschland das verstehen würde“. 

Noch besser als dieser Vorschlag scheint natürlich wenn wieder mehr auf internationale Kooperation, statt auf nationale Isolation gesetzt würde. Aber harte Zeiten erfordern bekanntlich harte Maßnahmen. Zu Wahrung eigener Interessen muss Europa in jeglicher Hinsicht verteidigungsfähiger werden. Selbst als überzeugter Kosmopolit und Pazifist muss ich es an dieser Stelle dann eben doch mit Machiavelli halten: Manchmal scheint der Zweck dann doch die Mittel zu heiligen. That’s the world we live in.

Quellen:

Der Wilhelm von Humboldt des Filmbusiness: Tarantinos „Once Upon a Time in Hollywood“

In seinem Buch „Hollywood Cinema“ macht Richard Maltby darauf aufmerksam, dass Hollywood mehr als nur ein Stadtteil von Los Angeles ist. Vielmehr nimmt Hollywood einen ganz bestimmten Platz in unseren gemeinsamen Imaginationen ein. Die Transzendierung eines an sich geographisch bestimmbaren Ortes zu einem Symbol kollektiver Imagination ist etwas, das Tarantino sich in seinem neuen Film „Once Upon a Time in Hollywood“ zu eigen macht. Hierzu sei jedoch zunächst darauf hinzuweisen, dass die Symbolik Hollywoods eine gewisse Form der historischen Relativität aufweist. Dies soll im Konkreten bedeuten, dass das was Hollywood in unseren Köpfen repräsentiert immer von bestimmten gesellschaftlichen Umständen beeinflusst wird. Tarantino macht sich in seinem neuen Film diese Form der historischen Relativität zu Nutzen und erzeugt damit eine unvergleichliche Form der Nostalgie. Er zeigt uns, was Hollywood einmal war aber längst nicht mehr ist. Und zugleich stellt er in seinem Film die praktischen Auswirkungen der historischen Relativität Hollywoods dar, denn Hollywood macht in seinem Film selbst eine Form des Bedeutungswandels durch. Dieser Bedeutungswandel hat unmittelbare Auswirkungen auf das Leben der beiden Protagonisten Rick Dalton (gespielt von DiCaprio) und Cliff Booth (gespielt von Pitt).

Nun zu einer  kurzen Darlegung der Rahmenhandlung: Im Zentrum des Films stehen der abgehalfterte Western Star Rick Dalton und sein Stuntdouble, Chauffeur und bester Freund und Weggefährte Cliff Booth: Was beide Protagonisten eint, ist dass sich ihre Karrieren auf dem absteigenden Ast befinden. Daltons glorreiche Tage als heroischer Westernheld sind längst gezählt und er bekommt nunmehr lediglich die Rolle des Schurken angeboten, welcher am Ende des Films meist getötet wird. Die Tatsache, dass er jetzt auch noch Rollen in den damals als minderwertig geltenden Spaghetti Western annehmen soll, stürzt Dalton in einen Zustand tiefer Verzweiflung, welcher er mit maßlosen Alkoholismus zu bekämpfen versucht.

Sein Stuntdouble Cliff Booth gilt mittlerweile auch nicht mehr als beruflich vermittelbar, da er damals angeblich seine Frau auf dem Mittelmeer ermordet haben soll. Die Evidenzen haben jedoch nicht ausgereicht, um Booth ins Gefängnis zu bringen. Es ist mehr als interessant die Persönlichkeitsstrukturen der beiden Protagonisten vor dem Hintergrund der sie umgebenden sozioökonomischen Rahmenbedingungen zu analysieren.

Während Dalton in einem Meer voller Selbstmitleid versinkt, wird dem Zuschauer dennoch lakonisch vor Augen geführt, wie er in seinem prächtigen Anwesen in den Hollywood Hills haust, während der stets entspannt und relativ zufrieden wirkende Booth nach Feierabend in einem heruntergekommenen Wohnwagen mit seinem Kampfhund haust. Es scheint unvermeidbar an dieser Stelle des Films Vergleiche mit einem historisch universellen Grundproblem westlicher Gesellschaften zu ziehen: Die Weltentfremdung der Eliten im Hinblick auf die Probleme des einfachen Arbeiters. Auch wenn Booth objektiv gesehen in prekären ökonomischen Verhältnissen lebt, welche sich nicht einmal ansatzweise mit dem von Luxus geprägten Leben Daltons vergleichen lassen, ist er dennoch dessen treuer Weggefährte. Stets bereit sich dessen narzisstische Sorgen anzuhören.

Nun zu den historischen Rahmenbedingungen, welche die Handlung des Films prägen. Der Film spielt in Los Angeles Ende der 60er Jahre. Tarantino bettet die Handlung in verschiedene historische Rahmenbedingungen ein, welches die Gesellschaft zum damaligen Zeitpunkt geprägt haben. Vom Vietnamkrieg, über die 68er Bewegung bishin zu den grausamen Morden von Charles Manson, unter anderem an Roman Polanskis Frau Sharon Tate. Dass Tarantino in seinem jetzigen Film-wie auch sonst- keineswegs auf historische Akkuratheit  fokussiert ist, sollte selbsterklärend sein.

Das damalige Ressentiment gegen die Hippie -Generation weiß Tarantino geschickt auszuspielen. Und in genau diesem Ressentiment macht der Film die historische Relativität Hollywoods deutlich. Dabei scheint Tarantino, zumindest im Hinblick auf die narrative Ausrichtung des Films, sich als den konservativen Nostalgiker zu verstehen, welcher dem klassischen Hollywood melancholisch hinterherträumt. Booth und Dalton geben die raubeinigen, konservativen Westernhelden, welche nicht viel für die neue extremliberale, dauerbekiffte Hippiegeneration übrig haben zu scheinen. Das klassische Hollywood wird von dem damaligen New Hollywood abgelöst. Dieser Wandel- und seine sozikulturellen Auswirkungen werden in Tarantinos Film besonders deutlich dargestellt. Um diesen Wandel zu verstehen, ist es zunächst nötig zu präzisieren, was das damalige klassische Hollywood von dem New Hollywood unterschied.

Das klassische Hollywood war maßgeblich durch einen Monopol großer und einflussreicher Studios bestimmt, welche auch den Ton im Hinblick auf die narrative Struktur von Filmen vorgaben. Es gab strenge Richtlinien, wie ein Film aufgebaut sein musste und es war zudem vorgegeben, was gezeigt werden durfte und was nicht gezeigt werden durfte. Nackte Haut war beispielsweise stets unerwünscht und der Held hatte stets zu überleben. Es kam auf den Profit an und nichts hatte das Publikum zu verschrecken. Geregelt wurde das Ganze durch sogenannte Codes, welche den Filmschaffenden von den jeweiligen Studiobossen auferlegt wurden. Diese Ära spiegelt sich auch in den Rollen von Dalton wieder, der in seinem Filmen stets den raubeinigen Westernhelden gab. Aber auch die Mentalität der beiden Charaktere ist durch den Geist des klassischen Hollywood geprägt, was sich besonders anhand ihrer konservativen Grundhaltung- besonders gegenüber der Hippiegeneration verdeutlichen lässt.

Die allgemeine Transformierung Ende der 60er zu einer liberaleren Gesellschaft hat auch zu einer Liberalisierung Hollywoods geführt. Die Liberalisierung Hollywoods war dementsprechend auch konstitutiv für die New Hollywood Ära. Besonders prägend für die New Hollywood Ära sind die Einflüsse des postmodernen Denkens. Ein wesentliches Element postmodernen Denkens ist eine gewisse Form der Orientierungslosigkeit. Die Orientierungslosigkeit hat sich damals nicht nur auf gesellschaftlicher Ebene durch arbeitslose Hippies bemerkbar gemacht- sondern auch in Hollywood. Viele unabhängige Filmemacher haben angefangen- mit begrenzten finanziellen Ressourcen-Filme entgegen des gängigen Status quo zu drehen. Der narrative Aufbau war oftmals durch eine gewisse Form der Strukturlosigkeit geprägt. Sex, Alkohol und Gewaltorgien waren an der Tagesordnung. Die konservativen Studiocodes des klassischen Hollywood wurden mit rebellischer Leidenschaft durchbrochen. Das Kino wurde genauso orientierungslos wie die damalige Gesellschaft. Das Interessante ist, dass Tarantinos Film ein narratives Paradox aufzuweisen vermag. Er erzählt von der Nostalgie nach dem klassischen Hollywood, weist aber im Hinblick auf seine erzählerische Struktur typische Elemente des New Hollywood auf. Seine beiden postmodernen Protagonisten sind von eben jener Orientierungslosigkeit geprägt, welche für das damalige New Hollywood charakteristisch war. Sie sind- ganz im Sinne Sartres Existentialismus- die Summer ihrer Handlungen. Ihre Existenz geht ihrer Essenz voraus.

Dies bezieht sich jedoch zunächst nur auf Tarantinos Nostalgie auf inhaltlicher Ebene. An dieser Stelle ist es dennoch wichtig anzumerken, dass die Nostalgie des Films auf mehreren Ebenen erkennbar wird. Viele Kritiker warfen dem Film einen Mangel an narrativer Struktur vor. Es fehle dem Film an einem roten Faden, heißt es. Aber gerade das scheint den unverkennbaren Reiz des Films auszumachen. Tarantino verschwendet seine Energie nicht auf die Konstruktion erzählerischer Twists. Der Film wird getragen von den Dialogen und seiner Atmosphäre- und das macht in letztlich einzigartig. Er scherrt sich reichlich wenig um politische Korrektheit und Quoten- aber das ist in Ordnung, denn immerhin haben wir es mit Tarantino zu tun. Der Film ist nicht bloß in den 60ern angesiedelt- er spielt in den 60ern. Es geht Tarantino um das Filme machen an sich- es hat einen intrinsischen Wert für ihn. Der Zuschauer merkt das und freut sich mit ihm.

Man könnte meinen, dass Tarantino den Wilhelm von Humboldt der Filmindustrie darstellt. In gegenwärtigen Bildungsdebatten um die durchaus extrinsisch motivierte Kompetenzorientierung wird immer wieder auf den intrinsischen Wert von Bildung verwiesen. Wilhelm von Humboldt ging davon aus, dass Bildung um ihrer selbst Willen zu erstreben sei. Ebenso scheint Tarantino den intrinsischen Wert vom Filmemachen zu verstehen. Es geht nicht um Netflix und Profit- sondern um den intrinsischen Wert des Films an sich. Er ist nicht klar zu definieren, aber (fast) jeder spürt ihn.

In seiner Schrift Theorie der Bildung des Menschen bezeichnet Humboldt den Bildungsprozess als eine

„[…] Verknüpfung unseres Ichs mit der Welt zu der allgemeinsten und freiesten Wechselwirkung.“

Für Tarantino scheint es lediglich um eine Wechselwirkung zwischen seiner von Nostalgie geprägten Imagination zu gehen und der unsrigen.

Quellen:

  • Maltby, R. (2009). Hollywood cinema. Blackwell Publishing.
  • (2010). Wilhelm von Humboldt: Theorie der Bildung des Menschen (1793). „Was den Menschen eigentlich zum Menschen macht…“ Klassische Texte einer Philosophie der Bildung, 118.

Zur Situation in Hongkong: Intrakulturelle Widerstände als Zeichen unserer Zeit?

Die derzeitige Situation in Hongkong wirft einige Fragen auf. Seit bereits mehreren Wochen kommt es zu gewalttätigen Ausschreitungen und Protestmärschen in der chinesischen Metropole. Anlass für diese Ausschreitungen waren Pläne der prochinesischen Regierung, welche vorsahen ein Auslieferungsgesetz zu erstellen, das Auslieferungen nach Festland China ermöglicht hätte.

Ungeachtet der Tatsache, dass Hongkongs Regierungschefin Carrie Lam das Gesetz mittlerweile für „tot“ erklärt hat, gehen die Proteste weiter. Sie scheinen jedoch nicht nur weiter zu gehen, sondern auch mit der Zeit immer extremer und gewalttätiger zu werden. Neben den Rücktritt Lams fordern die Demonstranten demokratische Reformen und ein allgemeines Stimmrecht. Auch die Tatsache, dass Lam das Gesetz zwar für tot erklärt, aber formal nicht zurückziehen möchte, trägt zu keiner Beruhigung der allgemeinen Lage bei.

Der Ursprung dieser Ausschreitungen liegt in der Tatsache begründet, dass Hongkong früher durch die britische Kornkolonie besetzt war, seit 1997 jedoch nach China unter der Prämisse „ein Land-zwei Systeme“ zurückgegeben wurde.  Dieser Grundsatz impliziert, dass Hongkong weiterhin als eigenes Territorium autonom regiert werden kann. Im Gegensatz zur kommunistisch geprägten Volksrepublik China besitzen die Einwohner Hongkongs Grundrechte wie die Meinungs-, Presse-, und Versammlungsfreiheit.

Nun auf einer etwas abstrakteren Ebene: Was sagt uns die Lage in Hongkong im Hinblick auf den Zustand unserer Zeit? Ich denke, dass die gesamte Situation in Hongkong eine Oberflächenerscheinung eines weitaus tiefer greifenden Phänomens darstellt.

Der Konflikt weist zum einen darauf hin, dass sich der Einwand Menschenrechte als etwas genuin eurozentrisches zu kategorisieren als fehlbar erweist.

In der Fachliteratur wird häufig zwischen universalistischen und relativistischen Positionen unterschieden.

Die Theorie des moralischen Universalismus lässt sich als eine Gegenposition zum moralischen Relativismus begreifen und geht- einfach gesagt- davon aus, dass moralische Werte einen Anspruch auf universelle Gültigkeit beanspruchen können und sollen.

Betrachtet man den Grundgedanken der Menschenrechte genauer, so wird deutlich, dass dieser auf dem Fundament der Theorie des moralischen Universalismus aufbaut. Man kann in diesem Kontext dementsprechend auch von einem menschenrechtlichen Universalismus sprechen.

Der menschenrechtliche Universalismus geht also dementsprechend davon aus, dass Menschenrechte einen universalen Geltungsanspruch besitzen, welcher individuelle, religiöse oder kulturelle Faktoren weitestgehend unberücksichtigt lässt.

Die Position des moralischen Relativismus geht hingegen davon aus, dass moralische Prinzipien immer in Bezug zu bestimmten kontextuellen und kulturellen Faktoren zu betrachten sind.

Beide Theorien – sowohl Universalismus als auch Relativismus- stehen also in einem klar ersichtlichen Spannungsverhältnis.

Von dem Lager der Relativisten werden Menschenrechte dementsprechend häufig als ein Diktat  westlichr Staaten kritisiert, welches einen unverkennbaren von Dogmatismus geprägten Absolutheitsanspruch aufweist. Das Lager der Relativisten scheint sich dem Gedanken der Menschenrechte nur insofern anzuschließen, als dass es bestimmte Rechte immer in Relation zu den Menschenbild der jeweiligen Kultur betrachtet. Der Relativismus lehnt somit die Möglichkeit eines interkulturellen und universellen Konsens hinsichtlich der Richtigkeit und Falschheit moralischer Werte ab.

Der Konflikt zwischen universalistischen und relativistischen Interpretationsmustern macht sich auch auf einer lebensweltlich-globalen Ebene bemerkbar.

In seinem durchaus umstrittenen Buch Kampf der Kulturen weist der US-amerikanische Historiker Samuel P. Huntington darauf hin, dass die westliche Universalisierungspolitik des menschenrechtlichen Toleranzgedankens unvereinbar mit den Ideal einiger nicht westlich geprägter Kulturen scheinen. In diesem Zusammenhang macht Huntington darauf aufmerksam, dass Menschenrechtsresolutionen bei Abstimmungen innerhalb der UNO größtenteils auf Ablehnung stießen. In diesem Zusammenhang nimmt Huntington unter anderem Bezug auf die 2. Weltkonferenz für Menschenrechte, welche im Juni 1993 in Wien stattfand. Laut Huntington wurden bei dieser Konferenz

„[…] die Unterschiede zwischen dem Westen und anderen Kulturen in der Frage der Menschenrechte und das begrenzte Vermögen des Westens, seine diesbezüglichen Ziele zu erreichen[…]“ besonders deutlich.

Auch der der deutsche Sinologe Karl Heinz Pohl weist darauf hin, dass China zwar nicht offiziell einen in kultureller Hinsicht relativistischen Standpunkt vertritt, aber dennoch den universellen Anspruch von Menschenrechten und dessen praktische Realisierung nicht losgelöst von kulturellen, sozialen, ökonomischen oder historischen Einflüssen betrachtet.

Ich persönlich denke jedoch, dass derartige Ansichten, welche eine Unvereinbarkeit moralischer Prinzipien und damit einhergehend die Unumsetzbarkeit von Menschenrechten vertreten, abgelehnt werden sollten.

Eins der Hauptargumente, welches ich in diesem Zusammenhang anführen möchte, ist das Argument des intrakulturellen Widerstands, welches sich am derzeitigen Zustand Hongkongs besonders gut veranschaulichen lässt. Derartige Formen des Widerstands weisen zunächst darauf hin, dass es oftmals klar erkennbare Diskrepanzen zwischen den öffentlichen Vorschriften und Wertvorstellungen eines Staates und der subjektiven Bewertung von ebendiesen durch die einzelnen Mitglieder der jeweiligen Bevölkerung gibt. Kulturen sind demnach also nicht als geschlossene, homogene Sphären zu betrachten, welche sich durch einen klar festgelegten Kanon an Wertvorstellungen charakterisieren lassen.

Nicht nur Bewegungen wie die Casablanca Declaration of the Arab Human Rights Movement oder die Cairo Declaration on Human Rights and Dissemination veranschaulichen die lebensweltlichen Ausprägungen intrakulturellen Widerstands.

Hierdurch lässt sich jedoch vor allem ein ganz entscheidender Punkt verdeutlichen: Menschenrechte dürfen sehr wohl einen Anspruch auf universelle Gültigkeit einfordern. Dies wird gerade durch derartige Proteste, wie sie derzeit in Hongkong stattfinden deutlich. Die Menschen gehen in Hongkong auf die Straße, um für fundamentale Rechte, wie die Presse- und Versammlungsfreiheit zu kämpfen. Und selbst wenn Menschenrechte ein Produkt westlicher Staaten sind; sind die dadurch automatisch etwas Schlechtes? Der moralische Wert eines Sachverhalts sollte sich nie an dem Ort seines Ursprungs messen lassen.

Argumente, welche nahelegen wollen, dass Menschenrechte eine neue Form des Kolonialismus darstellen, sind ebenfalls in jeglicher Form zurückzuweisen. Was hat der Kampf um die Würde eines jeden menschlichen Lebewesens mit Kolonialismus gemeinsam? Gar nichts. Dies sind allenfalls Argumente von Staatsoberhäuptern, welche sich ihre eigene Macht sichern wollen.

Dass China bedauerlicherweise im Hinblick auf die Einhaltung von Menschenrechten nicht ganz oben auf der Liste steht, ist weitläufig bekannt. Umso beachtenswerter sind meines Erachtens die derzeitigen Proteste in Hongkong. Menschen gehen für ihre fundamentalen Rechte auf die Straße, da sie eines erkannt haben: dass diese universell gültig sind, unabhängig davon, welche Form der Indoktrination staatliche Machtapparate auf ihre Bevölkerung ausüben wollen.


Quellen:

Die Notwendigkeit des Streits oder warum J.S. Mills „On Liberty“ Pflichtlektüre werden sollte

Es gibt einige Themen, welche sowohl für unsere derzeitige nationale als auch internationale politische Landschaft prägend scheinen.

Eine Besorgnis erregende Entwicklung scheint jedoch die Instrumentalisierung eines der ur-liberalsten Prinzipien überhaupt zu sein: der Meinungsfreiheit. Das Bedauerliche und Besorgnis erregende an der ganzen Sache scheint zunächst, dass das Prinzip der Meinungsfreiheit in der letzten Zeit mehr und mehr von rechtspopulistischen Parteien verteidigt zu werden scheint. Dies sollte in jedem kritisch denkenden Bürger jedoch bereits eine gesunde Form der Skepsis hervorrufen.

Zunächst ist die Frage zu stellen, ob das, was die Parteien des rechtspopulistischen Spektrums fordern wirklich mit dem Prinzip der Meinungsfreiheit gleichzusetzen ist. In diesem Zusammenhang müsste zunächst geklärt werden, was das Prinzip der Meinungsfreiheit im Konkreten ausmacht.

Zweitens ist die Frage zu stellen, warum dieses eigentlich traditionell eher von linken verteidigte Prinzip im 21. Jahrhundert zunehmend von rechten Parteien missbraucht wird, während die linken Parteien derart von den Zwängen der Political correctness vereinnahmt wurden, dass eine ehrliche Verteidigung der Meinungsfreiheit gar nicht mehr in Frage zu kommen scheint.

Zunächst zu einer kurzen Beantwortung der ersten Frage. Leider scheinen die Forderungen der rechtspopulistischen Parteien teilweise legitim. Dieses „leider“ füge ich an, da mir nichts ferner liegt, als populistische Parteien in irgendeiner Art und Weise zu verteidigen. Es muss aber dennoch das Zugeständnis gemacht werden, dass eine Weigerung mit Menschen mit abweichenden politischen Ansichten ins Gespräch zu treten zwar nicht die Meinungsfreiheit per se verletzt, aber dennoch ihren unverkennbaren Nutzen übersieht. Dennoch, und da liegt die erleichternde Krux, ist dieser Fehler nicht nur im linken politischen Lager ausfindig zu machen, sondern auch im rechten.

Während das rechte Lager also oft die Meinungsfreiheit für die eigenen ideologischen Zwecke instrumentalisiert, hat es auch keine Probleme damit, ebendiese mit Füßen zu treten.

Zu Beantwortung der zweiten Frage sei schlicht und ergreifend zu beantworten, dass die linken sich auf ihre eigenen Werte zurück besinnen müssen, um den rechten argumentativ den Wind aus den Segeln zu nehmen. Warum hat dieser Mensch für den Brexit gestimmt oder Trump gewählt? Wie konnte der Populismus der AfD derart erstarken? Was ist falsch an unseren gesellschaftlichen Strukturen, dass es soweit kommen konnte?

Dies sind Fragen, welche sich die linken Parteien dringend stellen sollten, wenn der Populismus in Schach gehalten werden soll. Anstatt lediglich die Symptome der Krankheit zu bekämpfen, gilt es die kausalen Ursprünge der Erkrankung ausfindig zu machen. Denn eines steht fest, und das gilt sowohl für rechts, als auch links: je stärker wir in eine emotionsgeladene Opposition rücken, desto stärker machen wir die andere Opposition. Gegenseitige Diffamierungskampagnen zwischen rechten und linken Parteien tragen also nicht zur Lösung des Problems bei, sondern verstärken es vielmehr.

Es scheint also nötig, danach zu fragen, was Meinungsfreiheit im Konkreten eigentlich ausmacht, und warum sie für unser demokratisches Zusammenleben auf lange Sicht so unerlässlich ist. Um zu erklären, was Meinungsfreiheit ist, möchte ich zunächst erläutern was sie nicht ist: Alles, was die political correctness ausmacht. Denn die politische Korrektheit ist der Tod der Meinungsfreiheit, und damit einhergehend jeglicher liberaler Grundwerte.

Aber was macht das Prinzip der  politischen Korrektheit im Konkreten aus? Zunächst einmal, dass es den Anspruch auf eine bestimmte Form der Korrektheit oder Richtigkeit impliziert. Ein Vertreter der politischen Korrektheit scheint sich also im Besitz einer 100% gesicherten Wahrheit zu wähnen, was bereits äußerst fragwürdig scheint.

Der Duden beschreibt den Begriff der politischen Korrektheit als die

„[…] von einer bestimmten Öffentlichkeit als richtig angesehene Gesinnung[…]“. 

Die öffentliche Meinung stellt also insofern eine Form der Autorität dar, da sie darüber entscheidet, was als richtig und falsch zu gelten hat. Aus der Sicht der Meinungsfreiheit ist ein derartiges Prinzip wie die politische Korrektheit unbedingt zu verneinen. Warum? Da das Prinzip der politischen Korrektheit- im Gegensatz zur Meinungsfreiheit- jegliche Offenheit gegenüber der Suche nach der Wahrheit ablehnt. Da Demokratie und Wahrheitssuche jedoch untrennbar miteinander verbunden sind, möchte ich im folgenden das Prinzip der Meinungsfreiheit verteidigen. Für diese Verteidigung scheint es sinnvoll auf einen der großartigsten Philosophen und liberalen Vordenker des 19. Jahrhunderts Bezug zu nehmen: John Stuart Mill.

In  seinem beeindruckenden 1859 veröffentlichten Werk Über die Freiheit (engl.: On Liberty) legt Mill ein leidenschaftliches Plädoyer für die Meinungsfreiheit dar. Es gibt meines Erachtens nach mehr als genug Gründe, Mills Werk als Pflichtlektüre in den Bildungskanon der deutschen Schulen einzuführen. Die Tatsache, dass jeder britische Premierminister vor Amtsantritt eine Kopie von On Liberty ausgehändigt bekommt, spricht bereist Bände über die gesellschaftliche und politische Relevanz von Mills Werk.

Im zweiten Kapitel, welches den Titel Von der Freiheit des Denkens und der Diskussion trägt, legt Mill drei essentielle Argumente für die Verteidigung der Meinungsfreiheit dar.

Zunächst macht Mill drauf aufmerksam, dass die Unterdrückung anderer Meinungen die kritische Auseinandersetzung mit andere Perspektiven unmöglich macht. Dies impliziert eine fälschlich angenommene Unfehlbarkeit der eigenen Meinung, wie sie für das Phänomen der politischen Korrektheit charakteristisch scheint. Mill legt hierzu dar, dass diejenigen, welche sich für das Verbot oder die Unterdrückung einer Meinung aussprechen, „[…] keine Vollmacht […]“ haben sollten

[…] die Frage für die ganze Menschheit zu entscheiden und jede andere Person von den Mitteln ihrer Beurteilung auszuschließen. Einer Meinung das Gehör zu verweigern, weil man sicher ist, daß sie falsch ist, heißt annehmen, die eigene Gewißheit sei dasselbe wie absolute Gewissheit. Jede Unterdrückung von Diskussion bedeutet eine Annahme von Unfehlbarkeit“ (Mill, 1974, S. 25).

Um zur Wahrheit zu gelangen müssen wir also die Fehlbarkeit sowohl von individuellen als auch von kollektiven Meinungen voraussetzen.

Mills zweites Argument geht davon aus, dass einzelne Meinungen zumindest teilweise wahr sein können. Möchte man also zu einer vollständigen Form der Wahrheit gelangen-sofern dies überhaupt möglich ist- müssen zumindest die Teilwahrheiten unterschiedlicher Meinungen zusammengeführt werden. Mill schriebt hierzu

[…] daß die einander widerstreitenden Lehren, anstatt, daß die eine wahr ist und die andere falsch, sich die Wahrheit teilen, und es der abweichenden Meinung bedarf, um den Rest der Wahrheit zu ergänzen, von der die herrschende Lehre nur einen Teil umfasst“ (Mill, 1974, S.57).

Mills drittes Argument baut auf der Annahme auf, dass selbst Meinungen, welche einen vollkommenen Anspruch auf die Wahrheit besitzen, einer kontinuierlichen kritischen Überprüfung unterzogen werden müssen. Warum? Weil die Meinungen sonst zu dogmatischen Vorurteilen verkommen, zu dessen argumentativer Verteidigung der Mensch nicht mehr in der Lage ist. Jemand, der für sich das Wissen um die Wahrheit in Anspruch nimmt, sollte laut Mill also jeder Zeit in der Lage sein, seine Meinung argumentativ zu verteidigen. Dies impliziert, dass sowohl die Fähigkeit als auch die Bereitschaft sich mit falschen Meinungen auseinanderzusetzen kultiviert werden müssen, um mit allen Argumenten für eine bestimmte Position vertraut zu sein.

Mill führt hierzu aus, dass die meisten Meinungen nämlich in Form eines Vorurteils vertreten werden

„[…] mit geringem Verständnis oder Gefühl für ihre vernünftigen Gründe, falls sie es nicht erträgt, heftig und ernsthaft angefochten zu werden, und tatsächlich angefochten wird. Und nicht nur dies, sondern […] der Sinn der Lehre selbst gerät in Gefahr, verloren  oder geschwächt und seiner lebendigen Wirkung auf den Charakter und das Verhalten beraubt zu werden: das Dogma wird zum bloßen formalen Bekenntnis, das unfähig ist, Gutes zu wirken, aber eine innere Belastung darstellt und das Wachsen jeder wirklichen und tief empfundenen Überzeugung aus Vernunft und persönlicher Erfahrung verhindert“ (Mill, 1974, S. 64-65).

In seinem Aufsatz Toleration and Intellectual Responsibility  folgt der Philosoph Karl Popper einem ähnlichen Argumentationsmuster und zeigt damit, dass Mills Denken an Aktualität nicht zu verlieren scheint. Popper sieht im Begriff der Wahrheit in ähnlicher Weise ein Begründungsfundament der Meinungsfreiheit in Form eines auf Toleranz ausgerichteten Diskurses. Popper führt hierzu ebenfalls- in überraschender Ähnlichkeit zu Mill- drei Prinzipien an.

Das erste Prinzip geht von einer gegenseitigen Anerkennung aus. Diese Anerkennung lässt sich laut Popper durch eine grundsätzliche Fehlbarkeit der eigenen Meinung rechtfertigen.

Das zweite Prinzip besagt, dass ein von Rationalität geprägter Diskurs dazu beiträgt, die eigenen Fehlbarkeiten zu korrigieren, während das dritte Prinzip nahelegt, dass ein rationaler Diskurs zumindest die Möglichkeit bereitstellt, sich der Wahrheit zu nähern, auch wenn möglicherweise kein vollkommenes Einverständnis erzielt werden kann (vgl. Popper, 1987, S. 26-28).

Die vorherigen Ausführungen sollten zumindest nahe legen, dass die Meinungsfreiheit ein Grundwert ist, den es zu verteidigen gilt. Besonders dann, wenn er durch die Macht des gesellschaftlichen Diskurses in Gefahr gerät. Also: lasst uns streiten!


Quellen:

  • Mill, J.S. (1974). Über die Freiheit. Stuttgart: Reclam.
  • Popper, K. (1987). Toleration and Intellectual Responsibilty. In S. Mendus & D. Edwards (Hrsg.), On toleration (S. 17-35). Oxford: Clarendon Pr.
  • Münch, I (2017). Meinungsfreiheit gegen Political Correctness. Berlin: Duncker & Humblot.

Sea-Watch 3: Gesetzliches Unrecht oder übergesetzliches Recht?

Es wurde die Tage mehr als ausführlich- und das ganz verständlicherweise- über den Fall „Sea-Watch 3“ berichtet.

Dennoch sollen im Folgenden noch einmal kurz die hard facts wiedergegeben werden. Harte Fakten, eine derartige Terminologie scheint in diesem Kontext jedoch noch einmal selbst einer grundlegenden Präzisierung bedürftig. Dies lässt sich primär dadurch begründen, als dass die epistemologisch zugänglichen Wahrheitskriterien im Fall Sea-Watch 3 ihrerseits nur in einem begrenzten Maße ausfindig zu mach sind.

Anders- und einfacher- formuliert: Um eine adäquate moralische Beurteilung des ganzen Vorfalls zu gewährleisten, müssen wir uns auf die Tatsachen stützen, die als 100% gesichert gelten und diejenigen ausschließen, die dies nicht tun.

Nun noch einmal die harten Fakten:

  • Carola Rackete- der deutschen Kapitänin des Rettungsschiffes – drohen nun mehrere Jahre Haft
  • Der Grund: Das Team der Sea-Watch 3 hat mehr als 40 Migranten im Mittelmeer gerettet und ließ das Team anschließend auf Lampedusa ansteuern
  • Bei dem Einlaufen in den italienischen Hafen von Lampedusa ist die Sea-Watch 3 mit einem Boot der italienischen Finanzpolizei kollidiert, woraufhin Rackete auf Anordnung italienischer Behörden festgenommen wurde und ihr nun der Prozess gemacht werden soll.

Soweit die nüchterne Betrachtung der harten Fakten. Aber es ist nun einmal empirisch evident, dass harte Fakten zur normativen Beurteilung einer derartigen Situation meist nicht ausreichen, was schließlich auch die geteilten Meinungen sowohl innerhalb als auch außerhalb Italiens in Bezug auf die ganze Situation erklärt.

So diffamierte der italienische Innenminister Rackete als Kriminelle, wobei er insbesondere auf die Kollision mit dem Polizeibot verwies. Eine derartige Reaktion Salvinis, welcher mit seiner Lega eher dem rechten Spektrum zuzuordnen ist, scheint in meinen Augen wenig überraschend und damit auch wenig empörungsbedürftig.

Natürlich- und das war ebenfalls wenig überraschend- gab es dann auch aus dem linken Lager gehörig Gegenreaktionen, bei welchem das Wort der humanitären Verpflichtung mehr als nur einmal fiel. So hat der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das Verhalten der italienischen Behörden  kritisiert. Zunächst räumte Steinmeier ein, dass es natürlich sein könne, dass es speziell italienische Rechtsvorschriften gebe. Aber ungeachtet dieser Rechtsvorschriften sei „[…] Italien ist nicht irgendein Staat. Italien ist inmitten der Europäischen Union, ist Gründungsstaat der Europäischen Union. Und deshalb dürfen wir von einem Land wie Italien erwarten, dass man mit einem solchen Fall anders umgeht„.

Jan Böhmermann und Klaas Heufer-Umlauf starteten sogar eine groß gefasste Spendenaktion, in welcher sie die Freilassung von Rackete fordern.

Böhmermann und Heufer-Umlauf betonen: „Wer Menschenleben rettet, ist kein Verbrecher!

Siemens Chef Joe Kaeser sagt: „Menschen, die Leben retten, sollten nicht verhaftet werden. Menschen, die töten, Hass und Schaden säen und fördern, sollten es

Auch der luxemburgische Außenminister Jean Asselborn lässt sich mit folgenden Worten wunderbar in diese Riege einordnen:

„Menschenleben retten ist eine Pflicht und sollte nie als ein Delikt oder ein Verbrechen eingestuft werden; diese Pflicht nicht wahrnehmen, hingegen, wäre ein Verbrechen. Wie bis jetzt, wird Luxemburg auch in Zukunft deinem Land Italien Solidarität erweisen in der Aufnahme von geretteten Migranten durch NGO Schiffe im Mittelmeer.“

Abschließend sei noch einmal der Tweet des EU-Parlamentariers Marquardt zu zitieren:

„Was mich so fassungslos macht:
Wenn die Menschen elendig und leise im Mittelmeer ertrunken wären, würde Carola Rackete keine Strafe drohen, sie wäre nicht festgenommen worden und Salvini wäre zufrieden. Wir dürfen das den Menschenrechtsfeinden nicht durchgehen lassen. #Seawatch“. 

Dann noch einmal zur Kontrastierung Salvini:

„Verbrecherische Kapitänin festgenommen, Piratenschiff beschlagnahmt“

Anhand dieser Aussagen muss meines Erachtens nach das Zugeständnis gemacht werden, dass sowohl die Aussagen des rechten, als auch die des linken Lagers eine nicht zu verkennende Polemik aufweisen, welche jegliche Komplexität und Sachlichkeit unberücksichtigt lassen. Zunächst möchte ich an dieser Stelle betonen- damit keine Missverständnisse entstehen- dass ich mich auch solidarisch mit Rackete und dem linken Spektrum zeigen möchte. Ich denke ebenfalls, dass das Retten von Menschenleben nicht kriminalisiert werden sollte, da ich- entgegen jeglicher kulturrelativistischen Auffassung und Eurozentrismuskritik- an die universelle Gültigkeit von Menschenrechten glaube. Und jemanden vor den eigenen Augen ertrinken zu lassen ist meines Erachtens nach- ganz im Sinne harter Fakten- eine Verletzung der Menschenrechte.

Man mag jedoch anhand der Polemisierung sowohl des linken, als auch des rechten Lagers zu der Conclusio gelangen, dass wir den Bereich des Faktischen verlassen haben. Aber das ist ein Trugschluss: Auch die Würde des Menschen kann als ein Faktum aufgefasst werden, wenn auch nicht im empirisch wissenschaftlichen Sinne. Eigentlich auch nicht im empirisch-historischen und im empirisch-globalen Sinne, denn wenn uns die Geschichte und der derzeitige Zustand der Welt eines lehren, dann ist es die Tatsache, dass Menschenrechte am laufenden Bande verletzt werden- woraufhin meistens mit dem Einwand entgegnet wird, dass der Westen die Menschenrechte mit einer recht eigentümlichen Interpretation versehen hat und nun einen schonungslosen Kulturimperialismus betreibt.

Derartige Einwände sind meines Erachtens nach jedoch nicht haltbar. Nochmals möchte ich an dieser Stelle darauf hinweisen, dass die Würde des Menschen, insbesondere das Recht auf Leben, und damit auch die Menschenrechte, nicht interpretationsbedürftig sind und von daher auch einen Anspruch auf objektive Gültigkeit haben. Man könnte jetzt Kant heranziehen oder sogar mit konsequentialistischen Ethikansätzen argumentieren, warum die Würde des Menschen keiner Interpretation bedarf. Das scheint meines Erachtens nach jedoch eher nicht notwendig und auch nicht wirklich zur Lösung des Problems beizutragen.

Warum sind also-meines Erachtens- viele der linken und rechten Pressestimmen im derzeitigen medialen Diskurs mit Kritik zu betrachten?

Hierfür lassen sich mehrere Gründe anbringen: Erstens scheint die gesamte Situation weitaus komplexer als wir es uns vorstellen. Der Populismus scheint in Italien derzeit  andere Ursachen als  in anderen europäischen Staaten zu haben. Dies lässt sich vor allem dadurch begründen, dass Italien schon lange Flüchtlinge aufgenommen hat, bevor dies in anderen EU Staaten überhaupt medial in großen Stil thematisiert wurde. Dies scheint nicht nur zu einer allgemeinen Frustration in der Bevölkerung geführt zu haben, sondern auch zu einer beträchtlichen Stärkung des Rechtspopulismus. Auch wenn ich Rechtspopulismus ablehnend gegenüberstehe, scheint mir eine reflexive Auseinandersetzung über die – durchaus verschiedenen- Ursprünge des Populismus unabdingbar.

Zweitens weisen die verschiedenen Aussagen beider Lager eine nicht zu verkennende Emotionalität- und damit auch Irrationalität auf. Die Irrationalität der Rackete- Unterstützer lässt sich ganz einfach daran festmachen, dass diese ihre gesamten moralischen Echauffierungen anhand eines konkreten Einzelfalls festmachen, jedoch nicht die strukturellen Rahmenbedingungen berücksichtigen, welche das Grundfundament für eine derartig moralische Kritikwürdigkeit bilden.

Um es etwas präziser zuzuspitzen: Es scheint bei der gesamten Debatte um einen grundlegenden Konflikt zwischen Recht und Moral zu gehen. Und je nach situativen Kontext wissen sowohl das rechte als auch das linke Lager eines von beiden für die jeweils eigenen Ziele ideologisch zu missbrauchen.

Zunächst bedarf es einer Klarstellung: Recht und Moral sind nicht dasselbe. Dies sollte jedoch keineswegs zu der Annahme verleiten, dass es nicht hin und wieder moralisch sein kann gegen das Recht zu handeln (wie es der Fall Sea-Watch 3 deutlich macht) oder dass es manchmal im juristischen Sinne unrecht sein kann im Einklang mit moralischen Normen zu handeln- wie der gegenwärtige Fall ebenfalls zeigt.

Blickt man ein wenig in die Philosophiegeschichte zurück, so wird deutlich, dass es verschiedene Auffassungen im Hinblick auf das Verhältnis zwischen Recht und Moral gab. So vertritt Sokrates, der im Kriton aufgrund der Verführung der athenischen Jugend zu Tode verurteilt wird, die Ansicht, dass er den Schierlingsbecher trinken solle, statt- wie von Kriton vorgeschlagen- die Flucht zu ergreifen. Der Grund, so die Argumentation des Sokrates: Sich moralisch zu verhalten heißt den Gesetzen des Staates zu folgen. Auch wenn Sokrates sicherlich einer der größten Philosophen der abendländischen Philosophiegeschichte ist, liegt er an dieser Stelle meines Erachtens nach falsch. Er hätte nicht sterben müssen und lieber die Flucht ergreifen sollen.  An dieser Stelle möchte ich auf die Radbruchsche Formel nach Gustav Radbruch verweisen, welche einen revolutionären Beitrag zu ethischen Beurteilung von Rechtsnormen geleistet hat.

Radbruchs Formel setzt sich aus zwei Kernthesen zusammen: (I) der Unerträglichkeitsthese und (II) der Verleugnungsthese.

Die (I) Unverträglichkeitsthese sagt: „Der Konflikt zwischen der Gerechtigkeit und der Rechtssicherheit dürfte dahin zu lösen sein, daß das positive, durch Satzung und Macht gesicherte Recht auch dann den Vorrang hat, wenn es inhaltlich ungerecht und unzweckmäßig ist, es sei denn, daß der Widerspruch des positiven Gesetzes zur Gerechtigkeit ein so unerträgliches Maß erreicht, daß das Gesetz als „unrichtiges Recht“ der Gerechtigkeit zu weichen hat.“  

Die (II) Verleugnungsthese behauptet:

„[W]o Gerechtigkeit nicht einmal erstrebt wird, wo die Gleichheit, die den Kern der Gerechtigkeit ausmacht, bei der Setzung positiven Rechts bewußt verleugnet wurde, da ist das Gesetz nicht etwa nur „unrichtiges Recht“, vielmehr entbehrt es überhaupt der Rechtsnatur.“ 

Somit ist laut Radbruch dem positiv gesetzten Recht generell Gehorsam zu leisten, es sei denn es widerspricht grundlegenden Gerechtigkeitsprinzipien. Damit widerspricht Radbruch in einer gewissen Weise der Position des Sokrates, da es doch ethische Normen geben sollte die das Recht unrechtmäßig und das Unrecht rechtmäßig werden lassen sollten.

Sokrates scheint sich in diesem Kontext eher der rechtsphilosophischen Strömung des Rechtspositivismus zuordnen zu lassen.

Die Bundeszentrale für politische Bildung definiert den Rechtspositivismus als „[…] eine rechtstheoretische Auffassung von Recht, die dieses mit den positiven, d. h. vom Gesetzgeber gesetzten oder als Gewohnheits- oder Richterrecht geltenden Normen gleichsetzt. Der Rechtspositivismus lässt formale Kriterien der Rechtsentstehung, -durchsetzung oder -wirksamkeit für die Kennzeichnung sozialer Normen als Recht genügen, ohne – wie das Naturrecht – eine inhaltliche Bezugnahme und Parallelität zu außergesetzlichen Rechtserkenntnisquellen (göttliche Gebote, Naturgesetze, Vernunft, Idee der Gerechtigkeit, Menschenrechte) als notwendig zu betrachten“.

Recht scheint für die Durchsetzung einzelner Normen also zu genügen, ohne auf einen außerkategorialen ethischen Bezugsrahmen angewiesen zu sein.

Nun zurück zu den Streitfragen im Fall Sea-Watch 3: Ich kritisiere sowohl die rechten als auch die linken Lager der gegenwärtigen Politik, da diese, je nach politischen oder ideologischen Machtinteressen, sowohl die rechtspositivistische, als auch die genuin moralische Position für ihre eigenen Zwecke instrumentalisieren. Durch das Vertreten beider Positionen Gerät man jedoch auf Dauer in einen performativen Selbstwiderspruch. Wenn Rechtspopulisten wie Salvini und einige AfD Politiker den zornigen Weltankläger spielen und sagen, dass Racketes Verhalten juristisch nicht vertretbar sei, bekennen sie sich plötzlich zum Lager der Rechtspositivisten. Wenn sie hingegen die deutsche Justiz anprangern, da einige Flüchtlinge nicht schnell genug abgeschoben und nicht hart genug bestraft werden, ist es mit der rechtspositivistischen Grundhaltung relativ schnell vorbei.

Aber auch das linke politische Spektrum hat die gleichen Mechanismen auf Lager, wenn sich immer wieder gerne rechtspositivistischer Argumente bedienen. Dies lässt sich anhand einiger Argumentationsstränge verdeutlichen, die klarmachen wollen warum diese und jene Abschiebung eines Kriminellen nicht gerechtfertigt sei oder- das Totschlagargument-, dass etwas dem deutschen Grundgesetz widerspricht. Debatte aus. Kein Widerwort.

Das hin- und her jonglieren zwischen rechtpositiver und ethischer Haltung scheint jedoch letztendlich zu keiner wirklich konstruktiven Lösung zu führen.

Ich möchte an dieser Stelle dafür plädieren im Fall Sea-Watch 3 weder eine genuin rechtspositivistische, noch eine genuin ethische Haltung einzunehmen. Es scheint weitaus angemessener sich noch einmal auf Radbruch zu berufen. Wenn wir wollen, dass Menschen, die Leben retten, nicht bestraft werden, müssen die strukturellen Rahmenbedingungen der europäischen Rechtssysteme insofern verändert werden, als dass sie auf den Grundsätzen der Moralvorstellungen beruhen, die derzeit bei vielen von uns in Hinblick auf diesen Fall intuitiv aktiviert werden.

Ich hoffe, dass Rackete freigelassen wird und, dass die Flüchtlinge auf dem Boot die Chance auf ein würdiges Leben haben. Denn das ist es, was gerecht zu sein scheint und was ihnen zusteht.

Aber ich wünsche mir auch, dass wir den ganzen Fall nicht nur mit moralischer Empörung betrachten, sondern anerkennen, dass vieles weitaus komplexer ist als es scheint.

Und zum Schluss noch ein Stück (zynischer) Optimismus: Ich denke, dass solche Fälle die einmalige Chance bieten ans Nachdenken zu kommen, und unsere Rechtsysteme zukünftig zu besseren Rechtsystemen zu transformieren.

Quellen:

 

Moral Psychology and Philosophy: An unhappy marriage?

The tradition of Normative and Applied Ethics can be characterized by two essential questions that are the main focus of inquiry:

(1) What is the good life? How can human beings achieve happiness?
(2) What is the right thing to do? (or how should I/ we act? )

The field of Metaethics is primarily concerned whith the semantic and conceptual analysis of moral statements and involves different theories such as (non-) cognitivism, emotivism etc.

Coming back to the two questions that can be definded as the centre of ethical inquiry, it can be said that the first question has particularly dominated the field of Ancient ethics. It can be argued that most of the ethical theories in ancient greece have been self-centered in comparison to the theories of modern morality (IEP Gordon).

Modern ethical theories on the other hand pretty much focus on how moral agents act in relation to other sentient beings. (note: I will intentionally use the term sentient, as human beings are not the only center of concern for nowadays ethical inquiry. As it can be shown in many works, e.g. Peter Singer’s Animal Liberation, sentiment might be one of those essential features if we have to check who is affected by our actions).
In the following I will lay out the arguably most important ethical theories of Ancient and Modern Morality.

Even if Socrates and Plato (among other schools) are undoubtly part of the most important philosophers in Ancient Greece, I will exclusively focus on Aristotle’s Virtue Ethics, because it mainly reflects the essential features of the question mentioned before: What is the good life?

According to Aristotle’s view a good life (or a life well lived) is characterized by Eudaimonia. Eudaimonia has been the greek term for happiness (ibid.).
As a consequence happiness should be the goal that we should strive for as human beings and effectively also directs or influences our moral beaviour. In this line also similiarities to Plato can be found. To put it simply, in order to attain  eudaimonia, a person has to live a virtuous life, which can at best be achieved by acquiring certain virtues, which have been clearly defined by Aristotle. Even if I will try to keep it as short as possible, it is important to note, however, that Aristotle distinguishes between intellectual and character virtues. It is important to note, that for Aristotle both types of virtues are inextricably linked with each other. Especially practical wisdom (phronesis) as an intellectual virtue is vital for our character virtues as well. Aristotle basically claims that we acquire those virtues through constant practice and accordingly know at some point how we have to act in certain situation and accordingly how to live a good life. In order to act according to the right character virtue, one has to hit the „[…] ‚mean‘ in both action and feeling“ (IEP Shaw). This basically says that acting the right way means „(h)itting the mean in action and feeling“ which „[….] involves doing the right thing and feeling the right thing, at the right time, in the right ways, in relation to the right people“ (ibid.).

If one attempts to take a closer look at Aristotles theory it is not hard to realize that the individual is at the center of his theory, which has been characteristic for most greek philosophers who vigorously tried to answer the question regarding the good life.
Another ancient greek philosopher that I want to mention, however, is Epicurus. I mentioned Epicurus‘ philosophy in a former article about hedonism. Epicurus‘ ethical theory of hedonism basically holds that the good life has one single aim: pleasure. However, we shouldn’t confuse Epicurus view of the typical hedonist with a person who constantly wants to fulfill basic desires like sex, food, and drinking in an irresponsible and unreflected way. In the following two essential greek terms will be introduced in order to get a more detailed picture about the Epicurean way of thought. Epicureans distunguished between:

(1) Ataraxia, which basically means that the soul is free from any sort of disturbance, and

(2) Aponia, which means that our bodies are free from any sort of pain (IEP Shaw).

The reason why I introduced these two terms in the light of Epicurean hedonism is that Epicureans distinguished between physical and psychological pleasures and pains (ibid.). According to Epicurean thinking, ataraxia is more important for a fulfilling life than aponia. This means that that freedom of disturbance of the soul is more important than an absence of bodily pain. Or to put it simple: Mental pleasure is the key to a happy and fulfilling life. In his Letter to Menoceus Epicurus defends and defines his view of hedonism by stating that „[…] what produces the pleasant life is not continuous drinking and parties or pederasty or womanizing or the enjoyment of fish and the other dishes of an expensive table, but sober reasoning […]“ (IEP Gordon: 8 from Epic. EP. Men.132, in: Long and Sedley 2011:114). The reason why, according to Epicureanism, mental pleasures are far more important than physical pleasures is because physcial pleasure and pain are subjected to temporal constraints of the present, while mental pelasures and pains can be transcended to the past and future. In the light of the main topic posed in this artcile I will refrain from explaining Epicurus‘ theory further. It is self -explanatory that a just description of Epicurean thought and ancient greek ethics in general actually needs a far more deatailed description than the one provided in this article.
What we can conclude from the Aristotelean and the Epicurean approach is that that both ethical theories are concerned with the question how an individual should act in order to achieve happiness. In the following lines I will move on to describe theories of modern morality by which I mean the 18th and 19th century. In the following lines I will shortly discuss the ethical theories of Utilitarianism and Katian deontology.

Due to the fact that I already published an extensive article about Utilitarianism on wordpress, I will only provide a very limited description of this theory and focus more on Kantian deontology. Because common misunderstandings are the case in this field, I will especially distinguish between the terms Consequentialism and Utilitarianism. I will furthermore provide more detailed distinction between deontological and teleological approaches in ethics. The reason why I want to draw this distinction is that even in the academia the terms of Consequentialism and Utilitarianism are constantly confused.
Even if this is historically the wrong order I will start to shortly lay out Utilitarianism as modern moral theory and explain Kantianism in detail afterwards.
To categorize it in a larger theoretical background, Utilitarianism can be seen as one form of Consequentialism. For Consequentialists the ethical value of an action has to be measured by the Consequences that this action produces. Teleological Ethics can be seen as one category of Consequentialist doctrines, as they try to take the ultimate ends of a specific action into account. This can be seen by taking a closer look at the term itself, as it has been derived from the greek telos which means something like ultimate end and hence describes specific aims or goals of individual actions. Utilitarianism, as well as Aristotle’s Eudaimonian Ethics can be seen as normative theories that are part of teleological doctrines, because both theories have specific ends that they are directed at. The aim of Aristotle’s virtue ethics is eudaimonia, while Utilitarianism aims at the greatest utility for the greatest number of people affected by an action (Fenner 2008, 139). According to Utilitarianism a specific action can only be considered morally right or wrong depending on the effects that this action produces. Jeremy Bentham and John Stuart Mill can be, historically, seen as the most important representatives of Utiltiatrian thought. Due to the fact that I wrote a very extensive article about their utilitarian theories (namely Act and Rule utilitarianism) I will refrain from doing so in this article. The only thing that has to be understood at this point is that Utilitarinism as a moral theory only takes the effects or consequences of specific actions into account in order to determine if these actions can be counted as morally right or wrong.

Deontological theories can be seen as some sort of ethical counterpart to Utiliatarian thinking. It is also useful to take a closer look at the term itself by tracing it back to its greek origins. The word deontology can be traced back to the greek words deon, which means duty (SEP Moore, Alexander 2016). According to Deontologists it is neither eudaimonia nor the consequences (like maximizing pleasure and minimizing pain) that characterize specific types of actions as moral or immoral. But rather the duties of moral agents or moral obligations (what we ought to do) form the basis of deontological  thought. As any other moral theory, deontologists have to face a lot of criticism.

Many critics, which are mainly  supporters of non cognitivism, are objecting the so called is/ought distinction, by claiming that we cannot equate moral values with scientfic facts or objective statements about the world. To put it more clearly, we cannot infer prescriptive claims form descriptive claims, since we would commit logical fallacies. When we say, that an apple is green and the apple, in fact, is green we consider this as a decriptive stament, because we attribute the colour green to the apple. If we claim, however, that torture is wrong, we cannot speak of an objective statement that is based on factual realities, but rather about a prescriptive statement. Neverthelesss, if we say: „Many people think that torture is wrong“, we are making a descriptive statement. There were quite a few philosophers who thought that moral values or statements can be traced back to emotional dispositions of the  moral agents who hold them. Alfred Ayer and Charles Stevenson for example have been vivid supporters of a meta ethical theory called Emotivism (or sometimes referred to as moral expressivism). As indicated in the names of these theories, they regard moral statements as expressions of emotional states of mind. Another famous theory is the so called moral prescriptivism which can be traced back to G.E. Moore. According to this theory moral statements can be considered as prescriptive statements or imperatives. This sort of imperative can be especially found in the deontological theory of Immanuel Kant. In Kantianism this sort of imperative is defined as the categorical imperative, which according to Kant is the highest principle of morality, that a moral agent possesses. The categorical impartive says that we should „(a)ct only according to that maxim whereby you can at the same time will that it should become a universal law“ (IEP Gordon).

A maxim according to Kant is a subjective principle that rules the will of the individual. Every sort of moral conduct should be based on the autonomy of practical reason. This is a very significant and important aspect in Kantian ethical thought. Reason, rather than emotions, social contract theories or calculations of positive consequences form the basis of adequate moral actions. Through reason we are able to recognize the right moral actions. Kant is speking of the so called good will, which means that though reason we actually want to carry out the actions that we are requiered or ought to do.

Many critics, however accused Kant of constructing a too rigid theory of morality, that does not give room for any sort of exceptions. This can at best be exemplified by taking a closer look regarding Kant’s stance on the act of lying. According to Kantianism we are never, no matter the circumstances, allowed to tell a lie. Even if one is hiding his best friend in his house, and people, who want to kill his friend knock on the door asking where his best friend is. In this case, according to Kant one is still obliged to tell the truth. I personally think that this moral stance is disastrous and absolute nonsense, because if we follow Kant in this case, we actually consider the principle of truth telling as more important than the principle of saving a life. That the life of an individual should never be considered as less  important than telling the truth, at least in this case, should not be disputet in my opinion. However, if we just see Kant’s example as some sort of thought experiment, we might come to realize that Kant just wants to clarifiy an important moral insight rather than really assuming that actions should always be carried out this way in real life.

As diverse and interesting as these moral theories presented above might be, all of them make one crucial mistake that really needs to be addressed: They all neglect the complexities of human psychology and the complex social realities that we are surrounded by and which constantly interact with us in very incoherent and complex ways.

First of all we have to ask the very important question of what actually constitutes a moral character. How can a moral character be defined and what causes this character to act in a morally righteous or morally reprehensible way?

Increasing empirical and scientific insights in the fields of cognitive science and psychology pose the questions if moral agents actually have a free will or if they are determined by certain social, cognitive, biologal or  psychological factors with regard to their actions. If it is the case that we are determined by certain external or internal factors a whole new picture regarding the moral responsibilty of moral agents is created. This would also put the afore mentioned (any many other) theories into question. The field of moral psychology asks how humans actually act in real life contexts where moral behaviour is required and how individuals actually act when faced with moral dilemmas. It can be said that the field of moral psychology and moral philosophy are in a rather unhappy relationship. While they take what they can get from each other, none of them actually has any trust in each other. It can be said that „[…] psychologists freely draw on philosophical theories to help structure their empirical research, while philosophers freely draw on empirical findings from psychology to help structure their theories“ ( SEP Doris, Stich, Phillips 2017).

Because psychology is a fairly recent science that actually emerged out of the discipline of philosophy, some philosophers might want to revise their theories. I will refrain from applying all new psychological findings on every of the four moral theories that have been mentioned beforehand since that would be way too complex and extensive for a blog article. In order to explore the relationship, as well as the differences and similarities between moral psychology and moral philosophy, I will refer to a very famous thought experiment, which I have already decribed in detail in my article about Utilitarianism.

There are two scenarios that we have to imagine:

Scenario I: A runaway trolley will run over five people standing on the track unless you, a bystander, pull a switch and send the trolley onto a siding, where, unfortunately, there is one person who will be run over. Should you pull the switch?

Scenario II: You are standing on an overpass over the trolley track. The runaway trolley will run over five people further down the track unless you push a fat man off the bridge, allowing the trolley to hit and kill the man but stopping the trolley before it hits the five. Should you push the fat man? (Psychology today Cathcart).

While a Utilitarian would probably affirm both actions, a deontologist would strictly reject to carry out these sorts of actions. But in reality most human beings affirm the first case, and strictly reject the action in the second case.

This gives us two crucial insights about the relationship between modern psychology and philosophy:

(1) Human moral judgement seems to work far different than the judgement that we should act upon accoring to Kantianism and Utitlitarianism.

(2) Psychologists and Philosophers pose pretty different questions regarding the same case. Psychologists want to know how people react to these scenarios, and why they react differently to both scenarios. These insights are gained through emprirical research. Philosophers on the other hand want to know HOW individuals SHOULD respond to these scenarios and hence how they should act in both cases.

Personally I think, that both psychology and philosophy can benefit from each other. Through the massive amount of scientific and empirical findings in the recent decades, moral philosophers have a chance to question and redefinde ethical theries. Philosophers do not only have to look a theoretical constructs such as Kohlberg’s stages of moral development, they also can use a massive amount of empirical findings about the reality of human nature, which is vital to create coherent ethical theories. Psychologists on the other hand have the unique opportunity to frame and categorize their (pretty often dry) empirical findings with important thoughts of how we should actually behave and act in order live a fulfilling life.

Sources:  -Fenner: Ethik- was soll ich tun?

 

Das menschliche Gewissen- Notwendig oder einfach nur lästig?

 

Das Handeln des Menschen ist durchaus vielfältig und durch verschiedenste Motivationen bestimmt. Diese Motivationen können sich zum einen auf die Lebensumstände des jeweiligen Individuums zurückführen lassen. Zum anderen aber auch auf die Persönlichkeit. Wenn wir jedoch vom Handeln des Menschen an sich sprechen, so taucht der Begriff des Gewissens nicht allzu selten auf. Egal ob wir uns in der Politik, Philosophie, Psychologie oder Religion mit Handlungen befassen. Das Gewissen spielt oftmals eine äußerst wichtige Rolle in diesem thematischen Kontext.

Gewissen ist allgemein mit der Fähigkeit gleich zu setzen, zu erkennen, ob eine Handlung moralisch gut oder verwerflich ist. Man sagt, dass die jeweilige Person, welche eine in moralischer Hinsicht schlechte Handlung begeht im Nachhinein ein schlechtes Gewissen haben kann. Es ist also ein Bewusstsein vorhanden, dass das eigene Handeln nicht im Einklang mit moralischen Maßstäben war. Bereits Kant behauptete in seiner Metaphysik der Sitten, dass das Gewissen als eine Art innerer Richter fungiert.
Aus dieser These hervorgehend ergibt sich jedoch eine schwierige und gerade in Bezug auf unsere heutige Zeit äußerst wichtige Frage:
Besitzen wir tatsächlich alle ein Gewissen während wir handeln?
Oder bedarf es spezifischer individueller Fähigkeiten, um nach dem eigenen Gewissen zu handeln? Selbst wenn ein Mensch entgegen des eigenen Gewissens handelt, so hat er nach der allgemeinen Definition dennoch ein Bewusstsein dafür das Falsche getan zu haben.
Aber ist diese Überlegung wahrheitsfähig?
Die aktuelle gesellschaftliche und politische Lage in Deutschland als auch Europa insgesamt gibt mehr denn je Anlass dazu, sich eine derartige Frage zu stellen.
Große Flüchtlingswellen erwarten Europa und die Länder versuchen sich auf diese Situation vorzubereiten. Es gibt gemeinnützige Organisationen und freiwillige Helfer, die versuchen, die Integration in unserer Gesellschaft zu erleichtern. Ein derartiges Handeln ist nicht nur auf einen allgemeinen Wissensstand bezüglich der politischen Lage in den jeweiligen Ländern, aus denen diese Menschen fliehen, zurückzuführen. Sondern auch auf die Fähigkeit, auf innere Weise zu spüren, was der andere empfindet. Aber es ist nicht nur die Empathie allein, sondern auch das Gewissen, das derartige Handlungen bestimmt. Die meisten Menschen haben glücklicherweise ein Bewusstsein dafür, dass das eigene Handeln nicht im Einklang mit moralischen Maßstäben ist, wenn man Menschen in derartig furchtbaren Situationen nicht wohlwollend gegenübersteht. Nur leider wird vor allem in der letzten Zeit durch die Presse und die sozialen Netzwerke immer deutlicher, dass es tatsächlich Menschen gibt, die dieser Angelegenheit feindlich gegenüberstehen. Besonders an diesem Punkt wirft sich die Frage auf: Besitzen diese Menschen überhaupt ein Gewissen? Haben sie nicht zumindest ein schlechtes Gewissen, während sie entgegen dieser grundlegenden moralischen Werte handeln?

Diese Frage zu beantworten wird sich als nicht allzu einfach erweisen und an spekulativen Schlussfolgerungen wird man nicht umher können, um zumindest den Versuch wagen zu können, eine mögliche Antwort zu finden. Dennoch sollte der Begriff des Gewissens an sich zunächst einmal aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden.

Betrachtet man das Gewissen zunächst aus dem wissenschaftlichen Standpunkt der Philosophie, so sind hier bereits verschiedene Perspektiven vorzufinden. Das Gewissen wird zunächst als eine unbewusste Reflexion des eigenen Handelns betrachtet. Das eigene moralische Urteilen ist also keiner Lenkung des eigenen Willens unterworfen. Das Handeln des Menschen ist durchgängig von der Kenntnis des moralisch Guten als auch des moralisch Verwerflichen gekennzeichnet. Ist also das eigene Handeln nicht deckungsgleich mit dem Wissen um das wahrhaftig moralisch Richtige, so liegt ein schlechtes Gewissen vor.
Die moralischen Werte, welche die Stimme des Gewissens jedoch an den Menschen sendet, sind nicht nur abhängig von dem Individuum an sich, sondern beispielsweise auch von der historischen Lage oder dem sozialen Umfeld. Dennoch sind individuelle Faktoren, wie die intellektuelle als auch emotionale Beschaffenheit des Individuums von Bedeutung.
Um auf die Ausgangfrage zurückzukommen, ergibt sich aus diesen Überlegungen dann also auch die Frage, ob es eine dem Menschen eigentümliche Gewissensfähigkeit unabhängig von der Situation, in welcher dieser sich gerade befindet, gibt.
Für Immanuel Kant stellt das gewissen eine notwendige, jedoch keine hinreichende Bedingung für moralisch gutes Handeln dar.
Jedoch herrscht aus philosophischer Perspektive natürlich keine vollkommene Einigkeit darüber, was es mit dem Gewissen genau auf sich hat.
Untersucht man den Begriff des Gewissens aus religiöser Perspektive, so wird deutlich, dass auch hier die Ansichtsweisen durchaus von Unterschieden geprägt sind.
Betrachtet man die Verwendung dieses Begriffs in der Bibel, so wird deutlich, dass der Begriff des Gewissens an sich im Alten Testament noch nicht existiert. Dies sollte jedoch nicht zu der Annahme verleiten, dass es das Gewissen als ein solches nicht gab. Auch zu dieser Zeit besaßen die Menschen mit Sicherheit ein Bewusstsein dafür, was Gut und Böse ist. Dies wurde lediglich auf eine andere Art und Weise ausgedrückt. Der Teil des Gewissens, welcher eher dem emotionalen und gefühlsbetonten Bereich zugeschrieben wurde, hatte man den Nieren des Menschen zugeordnet. Der von Ratio und Verstand dominierte Teil dem Herzen.
Im neuen Testament wird jedoch schon eine etwas spezifischere und der modernen Definition nähere Beschreibung des Gewissens verwendet. Man geht davon aus, dass das Herz weiß, was gesetzlich verlangt ist und dass das Gewissen als eine Art Beweismittel hierzu dient.
Das Gewissen stellt in der Bibel neben dem wahrhaftigen Glauben an Gott und einer aus reinem Herzen entspringenden Liebe eine der wichtigsten Beurteilungsinstanzen in Bezug auf das menschliche Handeln dar.
Laut Thomas von Aquin stellt das Gewissen den wichtigsten Wegweiser im Leben des Menschen dar. Letzten Endes sollte der Mensch dem Gewissen immer Gehorsam leisten, auch wenn er damit den Dogmen der Kirche widersprechen mag. Es mag zunächst verwundern, dass diese Aussage von einem der bedeutendsten Kirchenlehrer der römisch- katholischen Kirche stammt und jemanden, der von der römisch katholischen Kirche als Heiliger verehrt wird.
Laut Aquin hat das Gewissen eine Art Urteilsfunktion über die jeweilige moralische Richtigkeit oder Falschheit einer Handlung.
Das Gewissen besteht laut Thomas von Aquin zudem auch aus zwei Aspekten:
Der Gewissensanlage und dem Gewissensakt. Dabei gilt die Gewissensanlage als notwendige Bedingung für die Durchführung des Gewissensaktes, welcher letztendlich zu einem Urteil führt.
Der Gewissensbegriff erfährt eine Art kritischen Höhepunkt unter Martin Luther zu Zeiten der Reformation. Luther setzt sich für die Freiheit des Gewissens ein, wodurch dem Gewissen beim Handeln eine höhere Priorität als die Unterwerfung unter kirchliche Autoritäten zukommen soll.
Zwar scheint diese Auffassung ähnlich wie die von Aquin, jedoch betrachtet Luther das Gewissen nicht mehr als von Gott gegeben, sondern führt es auf die dem Menschen eigentümliche Fähigkeit zurück, Handlungen beurteilen zu können.

In der Soziologie wird im Wesentlichen ebenfalls die Annahme vertreten, dass das Gewissen als eine Kontrollinstanz für die eigenen Handlungen dient. Niklas Luhmann vertritt die Ansicht, dass das Gewissen in einem großen Maße mit verantwortlich ist für die Bildung der eigenen Identität. Grundlage für die Ausbildung einer spezifischen Identität ist demnach die Wahl die ein Mensch in Bezug auf bestimmte Handlungsweisen hat. Das Aussuchen bestimmter Handlungsweisen und die daraus entstehenden Folgen sind also verantwortlich für die Ausbildung der individuellen Identität des Menschen.

Beim sittlich-moralischen Gewissen geht man in der Psychologie davon aus, dass das Gewissen im wesentlichen dazu beiträgt, sich in der Gesellschaft zurecht zu finden. Jedoch ist auch hier das Gewissen nicht bloß ein Produkt des gesellschaftlichen Umfeldes, sondern auch durch Instinkte beeinflusst. Dies ist insofern ein äußerst wichtiger Punkt, da er einen entscheidenden Beweis dafür liefert, dass die moralische Charakterbildung eines jeden Menschen nicht einzig und allein durch das Umfeld beeinflusst wird.
Das Gewissen ist also mit verantwortlich für das Zurechtfinden und das funktionierende Zusammenleben in einer Gesellschaft.
Allgemein lässt sich der Begriff der Gesellschaft definieren, als ein Zusammenschluss von Individuen bei dem die gegenseitigen Beziehungen Gesetzen unterworfen sind.
Mag die folgende Frage zunächst etwas außerhalb des hier zu behandelnden thematischen Kontextes klingen, ist es meines Erachtens nach jedoch unerlässlich sich diese Frage zu stellen:
Was haben Gesetze mit dem Gewissen an sich zu tun?
Um diese Frage zu beantworten, sollte man noch einmal kurz den Begriff des Gewissens aus juristischer Perspektive beleuchten.
Das Bundesverfassungsgericht hat eine ziemlich eindeutige Vorstellung von dem Begriff des Gewissens, welcher sich problemlos auf die bisherigen Betrachtungsweisen anwenden lässt.
Demnach wird eine Entscheidung, welche auf dem eigenen Gewissen beruht durch die Kategorien des moralisch Guten und des moralisch Bösen beeinflusst. Das handelnde Individuum erfährt die jeweilige Handlung als eine Art innere Verpflichtung. Würde es entgegen des moralisch Richtigen handeln, so sollte dies unweigerlich ( im Normalfall) ein schlechtes Gewissen zur Folge haben.
Man mag jetzt fragen: Warum jetzt die Betrachtung eines einzelnen Begriffs aus all diesen verschiedenen Perspektiven? Ist das tatsächlich nötig, um die Frage zu beantworten, ob wir alle ein Gewissen besitzen?
Zunächst sollte gesagt werden, dass die Garantie eine grundsätzlich richtige Antwort bei derartigen Fragen zu finden, generell nie gegeben ist. Dennoch kann man aus diesen verschiedenen, zuvor angeführten Betrachtungsweisen einige äußerst wichtige Schlussfolgerungen ziehen, welche auf der weiteren Suche nach einer Antwort von Bedeutung sein können. Zunächst einmal sollte eine einheitliche, kurz gefasste und objektive Auffassung dessen, was das Gewissen an sich eigentlich ist, gefunden werden. Dies lässt sich am besten bewerkstelligen, indem man die wichtigsten gemeinsam Aspekte, der bisher aufgeführten verschieden Betrachtungswiesen vereint.
Vereinigt man die wichtigsten Aspekte aus den zuvor angeführten Betrachtungen, so wird deutlich, dass das Gewissen eine Äußerst wichtige Rolle bei der Suche nach dem moralisch Richtigen spielt und einen wichtigen Einfluss auf das Handeln des Menschen hat.
Mag dies anhand einiger Perspektiven nun auf Instinkte oder der individuellen intellektuellen Beschaffenheit des Einzelnen zurückzuführen sein. Die Bedeutung des Gewissens an sich scheint jedoch nicht wirklich in Frage gestellt zu werden.
Handeln wir nach unserem Gewissen, handeln wir also nach dem moralisch Guten, welches (man halte es einfach mal so fest) auch das moralisch Richtige ist.
Man mag jetzt vielleicht behaupten, dass man den Begriff des Guten und Bösen an sich an dieser Stelle nicht genauer betrachten muss. Meiner Ansicht nach sollten gerade aus der Perspektive und der allgemeinen Praxis der Philosophie aber auch in Anbetracht der hier zu behandelnden Thematik diese Begriffe dennoch etwas genauer (wenn auch nur kurz) betrachtet werden.
Warum? Weil sie, wie wir in den vorherigen Überlegungen und Betrachtungen festgestellt haben, die wichtigsten Wegweiser für das menschliche Gewissen darstellen.
Bei Platon war das Gute eine Art übergeordnetes Ideal, aus welchem jegliche Vollkommenheit entsprang. Man sprach von der Idee des Guten. Das Gute stellt in der Philosophie ein moralisches als auch ein metaphysisches Ideal dar.
In der metaphysischen Betrachtung des Guten geht es darum, zu beweisen, dass das Gute an sich ein objektiver Sachverhalt ist, welcher aus einer Wirklichkeit entspringt. Diese Wirklichkeit wird dann auf angeblich bestehende objektive Werte zurückgeführt. Aus christlicher Perspektive dann meistens auf das göttliche Gesetz.
Entgegen der Metaphysik betrachtet die Ethik das Gute als eine subjektive Wertesetzung des Menschen, welche nicht zwangsläufig auf eine objektive Gültigkeit abzielt.
Unabhängig von diesen Sichtweisen, wird mit dem Guten jedoch in erster Linie das bezeichnet, was aus ethischer Sicht gute Taten zum Ziel hat.
Auch bei dieser allgemeinen und in unserer westlichen Welt ( mit Einschränkungen) ziemlich einheitlichen Definition des Guten, darf man meiner Ansicht nach jedoch einen Punkt nicht außer Acht lassen. Der Begriff des Guten an sich ist selbstverständlich immer kulturellen als auch epochalen und zeitlichen Einflüssen unterworfen, was auch in Anbetracht der Ausgangsfrage in Bezug auf das Vorhandensein des menschlichen Gewissens von äußerst großer Bedeutung ist, aber auf diesen Punkt soll später noch einmal etwas ausführlicher eingegangen werden.
Zunächst einmal eine kurze Betrachtung über das Böse an sich, welches den negativen Wegsweiser des menschlichen Gewissens darstellt und meist die Ursache für das sogenannte schlechte Gewissen ist, wenn sich das menschliche Handeln nach diesem Wegweiser richtet.
Das Böse ist die Abwesenheit von dem moralisch Guten oder Richtigen. In manchen philosophischen Theorien wird es auch einfach als das Gegenteil von dem moralisch Guten bezeichnet. Ähnlich wie bei dem moralisch Guten, wurden dem moralisch Bösen in der Philosophie auch verschiedene Bedeutungen zuerkannt.
So ging Leibniz beispielsweise davon aus, dass es drei verschieden Arten des Bösen gab( Leibniz verwendete damals noch den Begriff des Übels).
Er unterschied zwischen dem moralischen Übel, welches mit moralisch verwerflichem Handeln gleichzusetzen war, dem metaphysischen Übel, was auf die Unvollkommenheit der Welt zurückzuführen war und dem physischen Übel, welches mit Leiden und Schmerz gleichzusetzen war.
Aber auch das moralisch Böse oder das aus moralsicher Sicht verwerfliche Handeln ist ebenfalls wie das Gute kulturellen als auch zeitlichen Gegebenheiten unterworfen.
Auf diese Überlegung soll nun etwas genauer eingegangen werden, da sie in meinen Augen einen entscheidenden Schritt in Richtung der Antwort auf die in diesem Text zu behandelnde Ausgangsfrage darstellt. Warum?
Am besten werde ich hierfür ein Beispiel benutzen, das ich generell sehr gerne verwende, wenn es um die Relativität des moralisch Guten oder Schlechten geht.
Jedes mal, wenn ich meine in London lebenden Verwandten besuche, oder einen Urlaubstrip in New York City oder einer anderen großen Stadt verbringe, fällt mir eines besonders auf: Die Menschen gehen fast alle bei Rot über die Ampel, mit der größten Selbstverständlichkeit auf Erden. Man könnte meinen, dass das Rote Männchen eine Art Ratgeberfunktion hat, welche einem sagt, dass das jetzige Überqueren der Straße mit möglichen Risiken verbunden sein könnte. Überquere ich die Straßen in Bonn bei roter Ampel, so habe ich oftmals ein schlechtes Gewissen. Sei es, weil eine Mutter mit kleinem Kind gerade neben mir steht, oder weil man direkt eine Strafe zahlen muß, sobald man von der Polizei dabei erwischt wird. Man kann ganz allgemein sagen, dass man das Gefühl hat, dass das Rote Ampelzeichen hier mehr mit einer Art moralischen Autorität assoziiert wird.
Ich habe dieses Beispiel angeführt, da es in meinen Augen auf äußerst verständliche und anschauliche Art und Weise verdeutlicht, wie sehr das moralisch Richtige und Falsche und damit einhergehend auch das Entstehen eines schlechten Gewissens vom jeweiligen gesellschaftlichen Umfeld abhängen kann, in dem man sich gerade befindet. Es zeigt aber gleichzeitig auch eine andere Sache, welche von äußerst großer Bedeutung ist.
Allgemein scheinen die Menschen in Metropolen wie New York oder London ein weniger schlechtes Gewissen beim Überqueren der Straße zu haben als beispielsweise in Bonn. Aber man kann sich dennoch meiner Ansicht nach sicher sein, dass bestimmte negative Handlungsfolgen des jaywalkings in New York City oder London ein genauso schlechtes Gewissen hervorrufen, wie es in Bonn der Fall wäre. Würde beispielsweise aufgrund meines Überquerens der Straße in New York ein anderer Mensch zu schaden kommen, so wäre dies genauso verwerflich wie in Bonn. Da würde vermutlich jeder New Yorker oder Londoner ( die Liste lässt sich selbstverständlich noch ellenlang fortsetzen) zustimmen. Welche Erkenntnis kann man aus diesem Punkt gewinnen?
Schätzungsweise, dass es auch unabhängig von kulturellen Einflüssen oder dem gesellschaftlichen Umfeld in Bezug auf ganz bestimmte Dinge eine universelle Auffassung dessen gibt, was moralisch Gut oder Schlecht ist. Meistens, wenn es um fundamentale Dinge geht, die das Wohlergehen des Menschen betreffen, wie beispielsweise das Recht auf Leben, Gerechtigkeit und Freiheit. Nur leider werden selbst diese eigentlich fundamentalen Grundrechte in manchen Gegenden und von manchen Personen dieser Welt nicht anerkannt und man hat teilweise auch die Vermutung, um nun auf die Ausgangsfrage dieses Textes zurückzukommen, dass manche Menschen, die anderen Menschen in Not diese fundamentalen Grundrechte nicht zugestehen wollen, nicht einmal von einem schlechten Gewissen geplagt werden.
Die Ausgangsfrage wurde zu Beginn anhand eines Beispiels der momentanen Flüchtlingssituation verdeutlicht. Aufgrund der Tatsache, dass sich manche Menschen definitiv nicht moralisch und vor allem menschlich gegenüber diesen Leuten verhalten, welche nur nach einem menschenwürdigen Leben suchen, wurde die Frage gestellt, ob wir tatsächlich alle ein Gewissen besitzen.
Man betrachtet durchaus grausame geschichtliche und politische Ereignisse wie beispielsweise den Holocaust und fragt sich, wie Menschen nur so gewissenlos handeln konnten. Aber allein schon das Wort der Gewissenlosigkeit muss ja in irgendeiner Art und Weise darauf hindeuten, dass es durchaus Menschen gibt, welche kein Gewissen besitzen oder zumindest für einen bestimmten Zeitraum kein Gewissen besitzen. Wie das Böse in der Philosophie teilweise als die Abwesenheit des Guten betrachtet wird, kann man den Begriff des Gewissenslosigkeit als eine Abwesenheit des Gewissens bezeichnen.
Und dieser Abwesenheit des Gewissens mag man auch durchaus leicht Glauben schenken, wenn man derartige vergangene historische wie auch gegenwärtige Ereignisse betrachtet. Wenn jemand ein Flüchtlingsheim anzündet, fällt es einem ( gewissenhaften) Menschen äußerst schwer zu denken, dass der Mensch, welcher eine derartige Handlung begeht, ein Gewissen hat. Aber ganz so eindeutig und einfach wird es wohl auch nicht sein. Dies kann noch nicht die komplette Antwort auf die Ausgangsfrage dieses Textes sein.
Man sollte nicht außer Acht lassen, dass sicherlich auch das Wissen bei der Gewissensentscheidung eine äußerst wichtige Rolle spielt. Demnach ist vielleicht nicht nur von einer bloßen Abwesenheit des Gewissens auszugehen, sondern schlicht und ergreifend von einer Abwesenheit des Wissens an sich, welches eine der notwendigen Bedingungen für das Gewissen darstellen sollte. Damit sei aber jetzt kein theoretisches Wissen oder eine Form von wissenschaftlichem Denken gemeint, sondern vielmehr die Lebenserfahrung des Einzelnen. Aber unabhängig von einer reichen und bewusst gewonnenen Lebenserfahrung ist natürlich auch die Fähigkeit reflektieren zu können unerlässlich. Denn eigentlich sind es doch diese beiden Fähigkeiten und Empathie, welche die Voraussetzung für ein bestmöglich ausgeprägtes Gewissen bilden. Die Erfahrung sollte jeden einzelnen von uns eigentlich lehren was gut und schlecht ist, die Empathie sollte es uns spüren lassen und die Fähigkeit zum reflektierenden Denken sollte uns zeigen, dass das Gewissen ein wichtiger Wegweiser in unserem Leben ist. Ist eine dieser drei Eigenschaften nicht vorhanden oder fehlen gar alle drei, wäre dies vielleicht als eine mögliche Antwort auf die Ausgangsfrage zu betrachten.

Essay (geschrieben: 2015)

Fast Food or Why Germany needs to learn to be slow again

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If we think closer about the term fast food has a very desastrous meaning that we, yet, take for granted in our everyday lives. If one might attempt to take a closer look at the term „fast“ food, it becomes quite obvious what it says about the current state of western civilization. I am not going to talk about the health risks that might be associated with the consumption of fast food, but rather about the semantic meaning of the term itself and its implications on the social structures that define our ways of living. In order  to make it short and to avoid any sort of thematic misunderstandings: The main purpose of this article is to criticize our contemporary understanding of the values that define a good society.

One of the main values that I want to criticize (one value that is especially quite common in Germany) is the value of „being fast“. That value is already implied in ther term fast food. Take your meal as fast as you can in order to continue with your stuff. You have an appointment at 3 o’clock, so you better be on time, eating a quick Burger might help you to achieve that goal. Being fast is associated with an effcient food consumption, a higher productivity at work and then ultimately: a higher GDP.

One might ask: Why are you critizising this? A high GDP is great, and what’s wrong about being an economically powerful country?

This is a pretty fair question to ask and being an economically well situated country or having a high GDP itself isn’t a bad thing in any sort of way. But what’s morally reprehensible is the desire to be the number one, no matter the costs. I do not want to speak for other countries, but the costs in this country are quite high. People need to hurry to their next appointment, instead of having a tea and reflecting about their place in the world.

Thinking is important, but not possible if we are so busy with conforming to the laws of unreflected capitalism. Not hat I am critizing capitalism per se, but rather an unreflected form of it. Sometimes we need to get the birds eye view in order to relocate ourselves and question if we are really doing the things we want to do.

It seems, however, that we are not capable of doing this anymore. It is worth noting that the lifestyle disease of the burnout is higher than in most other European countries, and yet Germans work the fewest hours by comparison.

The Wall Street Journal published an article which lays out:

„Germans work fewer hours a year than people in any other member nation of the Organization for Economic Cooperation and Development, including 100 hours less a year than the French, the group’s data show. A 35-hour workweek is standard in Germany’s manufacturing sector. By law, Germans get at least four weeks of vacation a year, and parents take up to 14 months of paid leave to care for babies. Employees also can get up to 72 weeks of extended sick leave at about 70% of their salary“ (Turner 2016).

So an overwhelmingly high workload cannot be the problem. Hence it probably has something to do with our mentality towards what is valuable and not and how we need to approach our work. Turner correctly refers to the so called Protestant work ethic that might be the root of all evil. The more you achieve the better you are. Maximization of profit is better that maximization of happiness and comfort.  Traditional  family patterns are strictly rejected and integrating massive amounts of refugees is always justified with the „economic benefits“ and not with the moral obligations we might simply have towards other human beings in certain situations. If you consult a psychologist, there are many employers that will not employ you, and yet many employers are the reason why people need to consult psychologists.

A burn out is, in the end, the certificate for a hard working, efficient, yes- saying and ultimately „morally“ sincere person. Traditional family patterns are practically abolished, we teach our children about effective competiton and how to be a perfect egomaniac, instead of teaching them to care for their surroundings.

According to the German stress doctor Mazda Adli a good worker is not definded by their compassion but rather by there willingness to to destroy oneself.

He claims:“You’re a good citizen when you work a lot. And then you have a well-deserved, good illness when you suffer from burnout[…]“ (ibid.).

Instead of „hurry up“ we need to teach our children to „slow down“. If we want to be thinkers and not believers, we need to make sure that the success of self made millionaire books and books about how to life a healthy and happy life will decrease, because the popularity of these books is shocking, because the actually reflect the desies of most citizens. We need to make sure that 2 hours of comapssionate work can be better than sitting in the office for 8 hours. We need to make sure that good work reflects emotional passion and dedication and not emotional distress.

My generation, often coined with the term Generation Y, is often accused of being lazy because we will say ’no‘ to certain jobs if we see our work live balance threatened. I, however, think that this trait of my generation gives me alot of hope for the future. It shows that we are on a stage of moral progress. We do not want to be lazy but we want to identify with our work again, and not being subservient slaves of economic dogmatism. We want to say ’no‘, if something goes aginst our will instead of saying ‚yes‘ because it might have career benefits for us.

So I will stay away form the burger today and have a tea instead. And I will dirnk it very slowly.

Lierature used:  https://www.wsj.com/articles/das-burnout-an-epidemic-in-germany-14640239

 

 

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