Suche

Meta-Ebene

Der Philosophie Blog

Corona und die Schönheit des Selbstverständlichen

Im Hinblick auf die Corona Pandemie wurde in den vergangenen Wochen von dem Begriff der Normalität besonders häufig Gebrauch gemacht. Unter Normalität wird in diesem Zusammenhang insbesondere die Zeit vor Corona bezeichnet. Die Zeit, in der man Dinge tun konnte, welche man gewöhnlich unter dem Begriff der Selbstverständlichkeit subsumieren würde.

Interessant ist in diesem Zusammenhang jedoch noch ein weiteres Phänomen. Oftmals wird der Normalitätsbegriff im gegenwärtigen gesellschaftlichen Diskurs nicht mehr auf die Zeit ausschließlich vor dem lockdown bezogen, sondern auch auf die Zeit während und nach dem lockdown. Ebenso dynamisch wie die Zahlentwicklung des Virus scheinen auch unsere Einstellungen im Hinblick auf den Normalitätsbegriff zu sein. Was vor einiger Zeit noch völlig normal schien, ist jetzt teilweise undenkbar. Die Undenkbarkeit gewisser Praktiken, welche vorher als normal betrachtet wurden, ist natürlich mehr als gerechtfertigt, da es um das Retten von Menschenleben geht. Es scheint in diesem Kontext dennoch interessant durch welch eine Relativität und Diskontinuität der Normalitätsbegriff an sich gekennzeichnet ist. In diesem Zusammenhang ist es lohnenswert, etwas genauer zu untersuchen, was man unter Normalität im Konkreten versteht. Im Allgemeinen versteht man unter dem Begriff der Normalität das, was Normen zuwiderläuft. Als Norm bezeichnet man ein

„[…] Modell, nach dem Handlungen oder Dinge bemessen oder bewertet werden […]. Alles, was den Normen zuwiderläuft, bezeichnet man als >>abnorm<< oder >>normwidrig<< “ (Godin, 2012, 122-113).

Normen sind in diesem Sinne, einfacher ausgedrückt, Regeln, welche in unserem alltäglichen Leben konstitutiv für die Grenzziehungen zwischen dem Selbstverständlichen und dem – zunächst – Unverständlichen sind. Um das Unverständliche selbstverständlich zu machen, bedarf es eines – um die Theorie Thomas S. Kuhns in einem anderen Kontext anzuwenden- Paradigmenwechsels. Ein derartiger Paradigmenwechsel kann auf vielen verschiedenen Ebenen stattfinden und ist untrennbar mit den diskursiven Auseinandersetzungen verbunden, durch welche ein Gesellschaftsbild zu verschiedenen Zeitpunkten, unter verschiedenen kontextuellen Rahmenbedingungen geprägt wird. Ein derartiger Paradigmenwechsel scheint derzeit ebenfalls stattzufinden. Oder anders formuliert: Wir befinden uns in einem Zustand, in welchem uns altbekannte Normen (welche unser Leben vor der Krise geprägt haben) neu verhandelt werden. Nachdem das ehemals Selbstverständliche (Freunde in Gruppen treffen, grenzenloses Wirtschaftswachstum ohne Rücksicht auf humane und ökologische Verluste, Reisen wohin man möchte etc.) in der derzeitigen Krise unverständlich, d.h. von der Norm abweichend, geworden ist, befinden wir uns nun in einer normlosen Phase. Unter einer normlosen Phase ist im entferntesten Sinne jene zuvor erwähnte Form eines Wechsels der Paradigmen zu verstehen. Wir können jetzt entscheiden, ob wir das ehemals Selbstverständliche weiterhin als selbstverständlich anerkennen wollen, oder ob wir aus dem derzeit Unverständlichen neue Formen des Selbstverständlichen generieren wollen. In einigen Aspekten mag dies mehr als wünschenswert sein. So können wir aus der derzeitigen Krise beispielsweise lernen durch welch enorme Fragilität die menschliche Existenz an sich geprägt ist und dass unser eigener Schutz auf Dauer nur durch den Schutz der Natur gewährleistet werden kann. Andere Dinge, das scheint unbestreitbar, sollten sehr wohl zukünftig wieder als selbstverständlich anerkannt werden: Unsere Nächsten und Freunde unbesorgt zu treffen, eine ausreichende Versorgung mit den ökonomischen Notwendigkeiten und vor allem die Freiheiten, welche unser Leben so lebenswert machen.

Ein weiterer wichtiger Punkt, welcher an dieser Stelle dennoch erwähnt werden sollte, ist, dass der Begriff des Selbstverständlichen (und damit des Normalen) paradoxerweise alles andere als selbstverständlich ist – zumindest wenn man die allgemein, diskursiv anerkannte Definition des Begriffs verwendet. Vielleicht gelangt man zu einem besseren Verständnis dieses Begriffes, wenn man ihn wirklich wortwörtlich nimmt: Das Selbstverständliche und Normale ist das, was einem Selbst verständlich ist – um den unverkennbaren Wert menschlicher Individualität mit ins Spiel zu bringen. Somit finden einige jetzt Gefallen daran, dass man sich nicht mehr die Hände schüttelt (nicht ich persönlich!), was vorher in unseren Kulturkreis dennoch als selbstverständlich galt.

In seinem weltberühmten Roman Die Pest weist Albert Camus ebenfalls darauf hin, wie Menschen sich einerseits nach einem vergangenen Zustand der Normalität zurück sehnen und andererseits einen neuen Zustand der Normalität herbeisehnen:

„Aber Cottard lächelte nicht. Er wollte wissen, ob man annehmen könne, dass die Pest nichts in der Stadt ändern und alles wie vorher weitergehen würde, das heißt, als sei nichts geschehen. Tarrou glaubte, dass die Pest die Stadt verändern werde und nicht verändern werde, dass es natürlich der größte Wunsch unserer Mitbürger sei und sein werde, so zu tun, als habe sich nichts geändert, und dass sich von daher in gewissem Sinn nichts geändert habe, dass man in einem anderen Sinn aber nicht alles vergessen könne[…]“ (Camus, 1998, 316).

Cottards Einstellung findet sich eindeutig bei denjenigen wieder, die alles so haben wollen, wie es vorher war. Mit einem Satz: Zurück zur Normalität. Und das ist nicht nur verständlich, sondern auch mehr als normal (wenn wir schon beim Wort der Normalität sind). Denn das Selbstverständliche hat etwas Erhabenes und Schönes. Es bringt Struktur, Transparenz und (scheinbare) Sicherheit in unser alltägliches Leben. Es vermittelt uns die wohltuende Illusion des Sicheren und Planbaren. Krisen wie die Corona Pandemie zeigen jedoch, dass unsere alltäglichen Sicherheiten und Planbarkeiten auf falschen Hypothesen beruhen. Das Normale – und damit das Selbstverständliche – waren also so gesehen nie da, sondern immer relativ zu den temporären Rahmenbedingungen, welche unser Großexperiment menschlichen Lebens definieren und eingrenzen.

Derzeit wird viel darüber debattiert, dass wir wieder möglichst schnell zurückkehren müssen zu unseren alltäglichen Gewohnheiten. Andererseits wird argumentiert, dass wir ebendiese Gewohnheiten nicht dauerhaft fortführen können, wenn wir auf Dauer unser Überleben sichern möchten.

Karl Marx hat einst gesagt, dass die Philosophen die Welt lediglich interpretiert haben, es aber darauf ankomme, ebendiese zu verändern. Slavoj Ẑiẑek verkehrt diese Aussage in ihr Gegenteil, indem er sagt, dass wir gerade jetzt aufhören sollten mit dem blinden Aktionismus und uns wieder der Theorie und der Interpretation zuwenden sollten (Ẑiẑek, 2018). Der derzeitige normlose Zustand kann hierfür die beste Möglichkeit darstellen. Denn nur durch geeignete Theorien kann eine geeignete Praxis garantiert werden. Eine Praxis in welcher ein gutes und sicheres Leben langfristig als selbstverständlich und schützenswert erachtet werden. Also – wenn die Umstände es zulassen – ab auf die Couch und über eine bessere Welt  nachdenken!

Quellen:

Witze über die COVID-19 Pandemie: Moralisch vertretbar?

Dass es derzeit viel zu Lachen gibt, kann wohl niemand behaupten. Die Lage ist dafür viel zu ernst. Aber warum eigentlich? Erfordert nicht gerade die Ernsthaftigkeit der derzeitigen Situation, dass wir ihr mit einem gesunden Humor begegnen? So wie man Hass nicht uneingeschränkt mit Hass begegnen sollte, sollte man dem Ernsthaften nicht uneingeschränkt mit Ernsthaftigkeit begegnen. Und dass die Absurdität der derzeitigen Situation durchaus Anlass bietet auch das Komische zu sehen, aus welchem der Einzelne wiederum Kraft schöpfen kann, scheint unbestreitbar. Dies soll jedoch keineswegs bedeuten, das sei an dieser Stelle in aller Ernsthaftigkeit hervorzuheben, dass man derzeit wirklich alles als eine von Humor getriebene karnevaleske Show der Übertreibung (Trump, Bolsonaro, Orbán, Modi etc.) betrachten sollte. Die folgenden Zeilen sind also vielmehr als ein Plädoyer, oder ein inspirativer Gedankenanstoß zu verstehen, welcher sich selbstverständlich nicht auf jede erdenkliche Situation applizieren lässt. Im Folgenden scheint es jedoch zunächst notwendig, einige theoretische Überlegungen sowohl zum Wesen des Humors, als auch zu seiner Beziehung zum Ernsthaften anzustellen. Dabei soll vor allem der Versuch unternommen werden, zu beweisen, warum sich der Humor als eine Revolte gegen die Übel und Ernsthaftigkeiten – welche das Leben unweigerlich mit sich bringt- begreifen lässt. Im Kontext der bisher bekannten Theorien, welche sich mit dem Phänomen des Humors auseinandersetzten, sei an dieser Stelle insbesondere die so genannte Relief Theory zu erwähnen. Der Grundgedanke dieser Theorie geht davon aus, dass der Akt des Lachens untrennbar mit einem Zustand der Entlastung und Erleichterung verbunden ist. Der englische Philosoph Herbert Spencer geht in diesem Zusammenhang beispielsweise davon aus, dass der Akt des Lachens mit einer Art Sicherheitsventil vergleichbar sei, welches es uns ermöglicht, nervliche Energie abzubauen. In ähnlicher Weise betrachtet Sigmund Freud das Phänomen des Humors als eine ökonomische Funktion des menschlichen Organismus, welche unseren Energiehaushalt am Laufen hält. Vor dem Hintergrund dieser Annahme geht Freud davon aus, dass sich der Akt des Lachens als eine Art Ersatzreaktion auf Situationen, welche normalerweise sehr viel Energie erfordern, begreifen lässt (Räwel, 2005, 15-17).

Gerade im Hinblick auf die derzeitige durch COVID-19 verursachte Situation wird bereits deutlich, welche Funktion das Humorvolle im Hinblick auf das Alltägliche bereithält: Wenn eine bestimmte Situation also viel negative Emotionen hervorrufen mag, so kann Humor oftmals als Substitut für das Einsetzen ebendieser Emotionen dienen, wodurch psychisch-nervöse Energien- ganz im Sinne eines Ventils- gefahrlos abgeführt werden. Die Relief-Theory stellt insofern eine wichtige Grundlage für die von mir vorgeschlagene Form des Humors dar, da sie den Akt des Lachens als eine Art Revolte gegen die ernsthaften Situationen des Lebens begreift. Diese Revolte ermöglicht es letztendlich negative Gemütszustände zu unterdrücken und durch positive Emotionen zu ersetzen.

Die bisher skizzierten Überlegungen sollen zumindest in ihren Grundzügen verdeutlichen, warum sich das Phänomen des Humors als eine derartige Revolte begreifen lässt.

Der aus Bonn stammende Philosoph  Heinrich Lützeler hob in seinem 1954 erschienen Buch Philosophie des Kölner Humors treffend  hervor:

„[…] Der Humor reagiert den Ärger ab. Der Mensch gewinnt Abstand. Er wird innerlich frei, überlegen über die Welt und über sich selbst. Im Kölner steckt etwas von einem Stoiker; vielleicht zeigt sich darin der antike Untergrund noch im Lebensgefühl der heutigen Stadt. Man regt sich nicht unnötig auf, selbst wo es sehr aufregend zugeht“ (Lützeler, 1954, 97).

Für Lützeler stellt der Rheinländer den Prototypen eines von Humor getriebenen Stoikers dar. Im Unterschied zu Lützeler möchte ich jedoch vorschlagen, dass wir eine derartige Grundhaltung nicht in Relation zu irgendeiner spezifischen Region betrachten, sondern global. Soll heißen: Wir alle sind- zumindest ideell- zu einer derartigen Grundhaltung in der Lage. Hier wird bereits noch einmal deutlich, was die Fähigkeit des Humors zu leisten vermag. Im Gegensatz zum Tier ist der Mensch den Ernsthaftigkeiten des Lebens nicht kampflos überlassen, sondern hat die Freiheit sich für eine humoristische Revolte gegen ebendiese zu entscheiden (Nicht umsonst gibt es den Begriff des „tierischen Ernstes“).

Nun ist es jedoch notwendig das Phänomen des Humors, im Hinblick auf die gegenwärtige Situation, aus einem etwas konkreteren Blickwinkel zu betrachten. Ein grundlegendes Charakteristikum, welches die Gefühle der Menschen derzeit zu prägen scheint, ist die Angst vor dem Ungewissen. Es wäre jedoch vermessen zu glauben, dass es sich dabei um eine Form der Angst handelt, welche ausschließlich die gegenwärtige Situation kennzeichnet. Im Grunde sollte uns eine derartige Besorgnis eigentlich jederzeit begleiten, da wir – zumindest im Hinblick auf unser persönliches Leben- nie wissen können, was als nächstes kommt. Um es sinngemäß mit den Gedanken Karl Poppers auszudrücken: das Einzige, was wir tun können, ist, Hypothesen über unser zukünftiges Leben aufzustellen. Dabei sollten wir doch jederzeit damit rechnen, dass diese durch die Realitäten, welche das Leben unweigerlich mit sich bringt, falsifiziert werden können.

Die aus der Unwissenheit und Unkontrollierbarkeit des Zukünftigen resultierende Angst, welche derzeit ausgeprägter denn je scheint (soll heißen: wir werden uns dieser Angst im Kollektiv bewusst) zwingt den Menschen sich auf eine bestimmte Art und Weise zu diesem Gefühl zu verhalten, um mit diesem Gefühl umgehen zu können (vgl. ebd., 97).

Die Unwissenheit und Ängste der derzeitigen Situation erfordern die bereits zuvor skizzierte Form eines humoristischen Ausgleichs. Dazu lohnt es sich jedoch nach dem strukturellen Grundmechanismus zu fragen, welche einem derartigen humoristischen Ausgleich (oder einer derartigen humoristischen Revolte) zugrunde liegen.

Unter Bezugnahme auf den deutschen Philosophen Joachim Ritter macht Lützeler auf den Mechanismus aufmerksam, welcher beim humoristischen Ausgleich von statten geht. Hierzu gilt es zunächst zu verdeutlichen, dass der den Übeln innenwohnende Erst des Lebens die Ganzheit des Lebens aufspaltet. In Anbetracht dieses Gesichtspunktes wird es dem Menschen durch die humoristische Revolte ermöglicht, einen Ausgleich herbeizuführen, welcher durch ein Nicht-Ernstnehmen die Ganzheit des Lebens wieder herstellt. Aber worin besteht nun dieser Ernst des Lebens? Durch welche Charakteristika wird er zu dem was er ist und nicht zu dem, was er nicht ist? Ritter macht auf präzise Art und Weise deutlich, dass der Ernst nur das gelten lässt, was als Wesentlich zu betrachten ist. Das Wesentliche lässt sich in diesem Zusammenhang als das Gegenteil vom Nichtigen betrachten. Als das Nichtige lassen sich all diejenigen Gedanken, Träume, Wünsche, Neigungen und Vorstellungen begreifen, welche, ebenso wie das Wesentliche, zum Dasein des Menschen dazugehören, aber durch den Ernst zur Nichtigkeit des Daseins ausgegrenzt und damit zum Unwesentlichen verbannt werden. Die Tatsache, dass der Mensch dieses scheinbar Unwesentliche dennoch als einen genauso wichtigen Bestandteil wie das Wesentliche betrachtet, macht den Kern der Übel der menschlichen Existenz aus. Durch die Funktion des Humors wird es dem Menschen jedoch ermöglicht, die Ausgrenzung des Unwesentlichen aufzuheben. Das Nichtige wird somit als zugehörig zum Dasein des Menschen erklärt. Durch die humoristische Revolte wird der Ernst also als unernst und der Unernst als ernst betrachtet. Oder anders formuliert: Das Unwesentliche wird als wesentlich und das Wesentliche als unwesentlich betrachtet (vgl. ebd., 66-67).

Der derzeitigen Pandemie sollte also gerade aufgrund der ihr innewohnenden Ernsthaftigkeit mit Humor begegnet werden. Denn erst so können wir sicherstellen, dass wir die Ganzheit unseres Lebens auf lange Sicht wieder herstellen. Nur so können wir das Ernsthafte zum Nichtigen degradieren, indem wir die Absurdität der derzeitigen Situation anerkennen.

Wenn wir also im Alltag dazu angehalten werden Abstand zu nehmen, sollten wir dies selbstverständlich auch tun. Aber nicht mit ernsten und verängstigten Blicken, sondern mit einem Lächeln und der Feststellung, wie eigenartig die Lage ist, in der wir uns derzeit befinden. Viele Leute beschweren sich, man solle derzeit keine Witze darüber reißen, dass die Selbst-Isolationsmaßnahmen noch 10 weitere Jahre andauern könnten. Diesem gilt es meiner Ansicht nach entschieden zu widersprechen: Mehr denn je sollten wir versuchen Witze über die derzeitige Situation zu reißen, denn erst das Komische macht das Ernsthafte erträglich. Erst mit dem Komischen können wir gegen das Ernsthafte rebellieren, da es das emanzipatorische Potenzial des Menschen erst möglich werden lässt. Erst durch den Humor beweisen wir Überlegenheit, indem wir Distanz gewinnen. Auch Schwerkranke gewinnen oftmals eine bestimmte Distanz zu ihrer Erkrankung, indem sie diese aus einer humorvollen Distanz betrachten, und nicht indem immer wieder herauf beschworen wird, wie schlimm doch alles ist. Ein ebenfalls sehr gutes Beispiel hierfür liefert das 1986 in New York entwickelte Projekt des Clown-doctoring. Ziel dieses Projektes ist es, die psychologisch positiven Aspekte als eine Art der vierten Therapieform in Kinderkrankenhäusern zu nutzen. Um dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen, werden sogenannte Clownsdoktoren in Kinderkrankenhäuser geschickt, um neben der medizinischen, pflegerischen und familiären Betreuung eine Art humoristischen Beistand zu leisten. Durch seinen Humor versucht der Clown die schwererkrankten Kinder trotz der tragischen Umstände, in welchen diese sich befinden, zum Lachen zu bringen. Dieses Vorgehen beruht auf der grundlegenden Einsicht, dass sich über den Akt des Lachens nicht nur zwischenmenschliche Verbindungen aufbauen lassen, sondern auch ein Abstand zu den Ernsthaftigkeiten des Lebens hergestellt werden kann (Räwel, 2005, 13-14).

Und ob man es nun glauben mag oder nicht: Genau so, wie uns die derzeitige Situation dazu veranlassen kann, in eine durch Pessimismus geprägte existenzielle Krise zu stürzen, gibt sie uns ebenso Anlass dazu das Komische zu sehen. Dies wird nicht zuletzt durch den kausalen Ursprung deutlich, welcher diese Krise zunächst ausgelöst hat: ein Virus. Viren sind in einem solchen Sinne relativ dümmliche Formen des Daseins, welche nicht einmal einen Stoffwechselapparat besitzen. Es ist zudem weitestgehend Konsens, dass man Viren nicht einmal als Lebewesen klassifizieren kann.

Ist es nicht absurd, dass ein derart dümmliches, mikrobisches Etwas unserer gesamte Daseinsform vorübergehend in eine Krise solchen Ausmaßes stürzen kann ? Ich finde schon.

Quellen:

Lützeler, H. (1954). Philosophie des Kölner Humors. Honnef/Rh: Peters.

Räwel, J. (2005). Humor als Kommunikationsmedium. Konstanz: UVK-Verl.-Ges.

Corona oder das Märchen vom Osterhasen auf der Couch

Passend zu Ostern scheint es mehr als nötig über unsere gegenwärtige Lage zu reflektieren. Dennoch scheint es angebracht diesen Reflektionsprozess auf eine eher unherkömmliche Weise zu gestalten. Denn neben der in wissenschaftlicher Hinsicht klar identifizierbaren Pandemie, durch welche derzeit nahezu das gesamte Weltgeschehen heruntergefahren wurde, scheint es auch eine Form der Infodemie zu geben. Diese, so viel sei zu sagen, birgt ernsthafte Gefahren, was nicht zuletzt durch die rasche Ausbreitung von Verschwörungstheorien bestätigt wird. Der neu gewonnene Informationsfetisch scheint natürlich zunächst einmal verständlich und ich kann mich- um jetzt ein etwas persönlicheres Element in die ganze Angelegenheit zu bringen- persönlich nicht davon frei machen, da auch in meinem Innenleben eine Art Faszination der Katastrophe hervorgerufen wurde. Als Regulativ habe ich mir selbst beispielsweise verordnet nicht mehr als 3 Stunden Nachrichten am Tag zu lesen. Dennoch- und das sei noch einmal hervorzuheben- scheint diese Infodemie in psychologischer Hinsicht zunächst verständlich. Aber wir sind nichts desto trotz dazu angehalten wachsam zu sein. Oder anders formuliert: Wir sollten uns eine Ethik der Informationsgewinnung aneignen, welche uns dazu befähigt Fakten von Fake news zu unterscheiden und damit einhergehend den Verbreitern von letzteren Einhalt zu gebieten (generell plädiere ich seit längerem dafür, dass durch die neu gewonnenen Freiheiten des Internets ein Schulfach mit einem derartigen Bestreben zu einer ethischen Form der Informationsgewinnung errichtet werden sollte). Ein anderes ethisches Problem, welches durch einen derartigen Informationsfetisch aufgeworfen wird, ist, dass andere Probleme auf unserem Planeten in faktischer Hinsicht weiter existieren (oder gar akzelerieren) jedoch derzeit nicht die mediale Aufmerksamkeit bekommen, die sie wohlmöglich benötigten (Flüchtlinge etc.). Auch hier wäre eine -zumindest etwas- ausgewogenere mediale Berichterstattung wünschenswert, sodass man nach 2 Stunden Nachrichtenkonsum wahrhaftig informiert ist (oder sich zumindest so fühlt) und nicht gebrainwashed (um an dieser Stelle einen überaus treffenden Anglizismus zu verwenden).

Nachdem im Vorherigen eine Fetischisierung der Informationsüberflutung thematisiert wurde – und die daraus entstehenden gefahren- soll im Folgenden auf eine weitere Form der Fetischisierung eingegangen werden, welche in Zeiten der Corona Krise ebenfalls deutlich zutage tritt. Diese Form der Fetischisierung soll im Folgenden als die utopische oder dystopische Prognose zukünftiger Gesellschaftszustände bezeichnet werden. Auch hier wird ein Kampf um die Deutungshoheit klar erkennbar. Die einen sagen, dass sich nicht viel verändern wird, da wir schlicht und ergreifend damit beschäftigt sein werden unsere ökonomischen Grundsäulen zu revitalisieren. Die anderen (dystopischen Vertreter) glauben – in verschwörungsartiger Manier- dass es ein Wieder Aufleben des Autoritarismus geben wird und dass die fiskalpolitische Ungleichverteilung noch stärker zu Tage treten wird. Und dann gibt es die Utopisten die glauben (oder hoffen?), dass eine grundlegende Transformation unserer ökonomischen Rahmenbedingungen von statten gehen und damit endlich der neo-liberalen Profitmaximierung eine Absage erteilt wird. Wichtig ist jedoch anzumerken, dass jegliche Form der Prognose oder -um ein bisschen Poppersche Philosophie reinzubringen- der Hypothesenbildung über zukünftige aus Transformationsprozessen entstandene Gesellschaftszustände mit Vorsicht zu genießen ist. Letztendlich lässt sich das gesamte Geschehen nur durch Regnosen erklären, da uns für Prognosen schlicht und ergreifend die epistemischen Grundvoraussetzungen fehlen.

Dies bedeutet jedoch nicht, dass man dem Fetisch zukünftiger Prognosen nicht hin- und wieder erliegen darf- was im Folgenden geschehen soll. Wichtig ist, dass man derartige Prognosen dann jedoch lediglich unter dem Diktum eines auf Hoffnung basierten philosophischen Gedankenexperimentes betrachtet, welches unter kontrollierten Bedingungen stattfindet. Die kontrollierten Bedingungen stellen die in ideeller Hinsicht aufgestellten Hypothesen dar, welche in der Realität jedoch jederzeit falsifiziert werden können.

Im Internet stößt man auf eine interessantes Bild, auf welchen (aller Wahrscheinlichkeit nach) Freud abgebildet ist, und (aller Wahrscheinlichkeit nach) der Osterhase, welcher sich gerade einer freudschen Psychoanalyse unterzieht und von seinem psychischen Innenleben berichtet. Die gedanklich veräußerten Sorgen des Osterhasen sind auf einer sich über dem Bild befindenden Überschrift angebracht:

„I don’t know where the eggs come from, and I have no idea why I feel a compulsion to hide them“ (Zitat: der Osterhase)

Der Osterhase wird sich seiner eigenen Neigung einmal im Jahr die Eier zu verstecken bewusst und fragt sich wo die Quelle zu diesem konkreten Drang liegt. Warum ist er so fixiert darauf, Eier zu verstecken, welche die Kinder dann einmal jährlich suchen sollen? Ist es der Fetisch des Versteckens (und Suchens) selbst oder eine Fetischisierung des Objektes (des Ostereis), welches der Mensch eigentlich nicht finden soll? Lässt sich eine derartige Frage nicht ebenfalls auf das in vielen Ländern vorherrschende Wirtschaftswachstum applizieren, welches blind gegenüber jeglicher Form gesellschaftlicher Ungleichheiten geworden zu sein scheint? Geht es ein nur um den Fetisch wirtschaftlichen Wachstums an sich (oder Wachstums im Generellen, man beachte den Fitnesskult und das damit einhergehende Streben nach Muskelwachstum etc.) oder tatsächlich um einen daraus resultierenden, objektiv messbaren Endwohlstand (das Ei), welchen man mit allen Mitteln zu verteidigen sucht und höchst ungern teilen möchte?

Laut Freud sind die Triebe in ihrer Beziehung zum seelischen Innenleben des Menschen – im Gegensatz zu ihrer körperlichen Gebundenheit – oftmals durch einen Mangel an Spezifität gekennzeichnet, d.h. dass diese Gebundenheit sich letztendlich im oftmals im Unterbewusstsein manifestiert und dementsprechend nicht klar zu verorten ist. Der aus dem unterbewussten entstehende psychische Energieüberschuss transformiert sich jedoch zu bewussten Handlungsakten (das Verstecken von Ostereiern oder das Gefangensein im täglichen Hamsterrad des blinden Aktionismus), dessen kausalen Ursprung man zunächst nicht klar identifizieren kann, da eine unmittelbare Zugänglichkeit zum Unterbewussten nicht jederzeit gegeben ist. Die zuvor erwähnten Handlungsakte finden laut Freud oftmals in Form einer sogenannten Triebabfuhr statt, was ganz einfach bedeutet, dass sich der unbewusste Trieb in merkwürdig anmutenden praktischen Handlungsakten realisiert. In den meisten Fällen richtet sich diese als vergnüglich empfundene Triebabfuhr nach dem so genannten Lustprinzip. Gerät der Mensch in einen so genannten Triebkonflikt, so ist dies laut Freud durch den Umstand zu erklären, dass das Lustprinzip mit dem so genannten Realitätsprinzip kollidiert (vgl. Walter, 2004-2009). Dieses bezeichnet die Anforderungen, welche durch die Umwelt an den Menschen herangetragen werden. Letztere geraten oftmals in eine Spannung mit der Realisierung der eigenen Triebe. Diese Spannung erklärt nicht zuletzt die ständigen emotionalen Torturen, welche das menschliche Ich erfährt, wenn das Es vom Über-Ich gegeißelt wird. In genau einem derartigen Konflikt scheint sich der Osterhase zu befinden. Er scheint sich zu fragen, warum er jedes Jahr aufs Neue die Lust verspürt, Ostereier zu verstecken, wo doch die Sinnhaftigkeit eines derartigen Handlungsaktes völlig im Verborgenen scheint.

In einer gewissen Hinsicht scheint der Osterhase auf der Couch eine Metapher für die derzeitigen utopischen Zukunftsprognosen darzustellen. Ähnlich wie der Osterhase versuchen viele Menschen derzeit – im wahrsten Sinne des Wortes- „auf die Couch“ zu gehen und darüber nachzudenken, was bisher falsch gelaufen ist, um auf eine bessere Zukunft zu hoffen. Auf eine Zukunft, in welcher der Trieb zum grenzenlosen Wachstum kritisch hinterfragt wird. Auf eine Zukunft in der die Eier nicht versteckt, sondern gerecht verteilt werden.

Quellen: http://www.verhaltenswissenschaft.de/Psychotherapie/Psychoanalyse/psychoanalyse.htm

https://www.deutschlandfunkkultur.de/corona-und-die-nachrichten-vom-leben-mit-der-infodemie.1005.de.html?dram:article_id=473334

Bildquelle: https://www.pinterest.de/pin/484559241139073042/

COVID-19: Über die Notwendigkeit europäischen Zusammenhalts

In seinem Buch Europa in der Krise macht der deutsche Politiker Günter Verheugen auf folgendes aufmerksam:

„Es ist das Schicksal Europas, sich immer wieder neu zu erfinden, dem Trennenden nicht endgültig nachzugeben, sondern über alle Vielfalt und Verschiedenheit hinaus das Gemeinsame zu erkennnen. Europa ist der gelebte Widerspruch. Große, kühne Ideen wurden auf diesem Kontinent geboren. Aber nirgendwo gab es auch mehr Barbarei und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Dort, wo die Idee des ewigen Friedens entstand, tobten die blutigsten Kriege. Europa kann stolz für sich in Anspruch nehmen, die Wiege der Demokratie zu sein. […] Europa wird sich behaupten, im Widerstreit dieser verschiedenen Erfahrungen, nicht als geeintes Staatsvolk, sondern als Vielvölkerraum, zusammengeschmiedet durch eine Geographie, deren Konturen nicht fest umrissen sind, gegründet auf den gemeinsamen Willen zu Zusammenarbeit, auf gemeinsame Geschichte, die nicht zu teilende Erinnerungen in sich birgt, was angenommen und verstanden werden muss. Kein anderer Traum von Europa hat eine bessere Chance.“ (Verheugen 2005, 33-34).

Verheugen weist hier auf einen essentiellen Aspekt hin, welcher sowohl den Ursprung der Vitalität, als auch der Schwächen der EU darstellt. Es ist das gelebte, dynamische Zusammenspiel an Kontradiktionen, aus welchen sich letztendlich die Einigung – und damit einhergehend- die Kraft der europäischen Vereinigung speist. Trotz der Heterogenität historischer Prägungen und Erinnerungen, trotz der Verschiedenheit an  Wertvorstellungen, gibt es dennoch eine Homogenität an normativen Grundausrichtungen. Oder ganz einfach ausgedrückt: Es gibt eine europäische Wertegemeinschaft und ihre Verteidigung scheint unter den derzeitigen Umständen wichtiger denn je! Denn eine auf Kooperation basierende Handlungsfähigkeit kann nur auf dem Fundament einer gemeinsamen Wertebasis erfolgen. Das Problem scheint weniger darin zu liegen, dass dieses Fundament nicht vorhanden ist, sondern, dass alle europäischen Staaten- in gemeinsamer Kooperation- sich endlich dazu durchringen sollten dieses normative Fundament zu achten. Verheugen fügt hinzu:

„Die Vereinigten Staaten von Europa sind eine schöne Vision, aber eben nur eine Vision“ (ebd., 35).

Hier sei Verheugen jedoch klar zu widerpechen. Ohne die Komplexitäten, welche eine praktische Realisierung einer derartigen Idee mit sich bringen mag, außer Acht zu lassen, sollte die Idee selbst jedoch nicht aufgegeben werden. Die Evidenz für diese Annahme scheint sich nicht nur durch die jüngsten Transformationsprozesse von China, Russland und den USA zu bestätigen, sondern umso mehr durch die derzeitige Situation, welche sich dadurch auszeichnet, dass die gesamte Welt durch ein Virus in eine Art Ausnahmezustand versetzt wird.

In seinem großartigen Beitrag Die vier gebrochenen Gebote in Zeiten von Corona Welche Wege sie eröffnen und warum es nach Corona kein Zurück geben darf – Eine Ermunterung, die Krise zu nutzen hebt Johannes Bohun treffend hervor:

„Doch in all diesem alptraumhaft anmutenden system meltdown steckt auch etwas seltsam Erfrischendes. Die Börsen ächzen, doch der Planet atmet auf. Es ist, als wäre jeder Einzelne und die Gesellschaft als Ganzes gezwungen, innezuhalten, und die Realität aus neuem Blickwinkel zu betrachten. Es herrscht eine ungewöhnliche Ruhe auf den Straßen, während die Wirtschaftsmaschine weitgehend stillsteht und von Regierungsseite Hilfspakete in Marshallplan Dimensionen geschnürt werden.
Wir erleben tatsächlich einen drastischen Paradigmenwechsel: Überleben ist nun offiziell wichtiger als das Brummen der Megamaschine, wichtiger als Profit und Rendite. Und mehr noch: Auf wissenschaftlichen Fakten beruhendes Handeln der politischen Eliten scheint – zumindest auf Zeit – soeben die globale Norm geworden zu sein. Ideologie wird den Tatsachen hintangestellt- ohne Schielen auf die Wiederwahl. Wie Dominosteine scheinen die Tabus zu fallen“ (Bohun 2020, 1-2).

All die Prämissen und Hypothesen, welche zuvor als deterministischer Legitimationsansatz für unsere profitgesteuerten Wirtschaftssysteme herhalten mussten, drohen derzeit widerlegt zu werden. Das Paradigma des grenzenlosen Wachstums und der Ausbeutung unseres Planeten – welche letztendlich in einer ökologischen Katastrophe endet – wird derzeit durch das Paradigma des nackten Überlebens ersetzt. Dies erfordert die Solidarität der Menschen untereinander. Auch auf europäischer Ebene scheint eine derartige Solidarität, welche das Leben und die Würde des Einzelnen in den Vordergrund stellt, wichtiger denn je. Blickt man zurück in die jüngste Geschichte so ließ sich ein klar erkennbares Demokratiedefizit nicht übersehen, welches sich u.a. durch das diabolische Zusammenspiel von IWF, EZB und der europäischen Kommission und den daraus resultierenden Austeritätsmaßnahmen gegenüber finaziell schwächeren EU-Staaten auszeichnete. Das Ziel der wertebasierten Vereinigung schien durch eine genuin ökonomische Form der Interessenvereinigung ersetzt zu werden. Im Moment wird der ökonomische Dogmatismus jedoch – zumindest vorübergehend- außer Kraft gesetzt, wodurch sich im Umkehrschluss die Chance bietet,  nach viablen Alternativen zu suchen. Diese Alternativen sollten vor allem in dem Versuch bestehen- auf Basis der Anerkennung unserer europäischen Wertegemeinschaft- wenn nicht auf globaler, so doch auf europäischer Ebene die Krise zu koordinieren und gemeinsame Lösungsansätze auszuarbeiten.

Oftmals wird die COVID-19 Pandemie gerne und schnell mit dem Klimawandel verglichen. Vor allem scheint es zu erstaunen, dass viele Staaten plötzlich Handlunsgfähigkeit besitzen, während sich Diskussionen um den Klimawandel bis ins Unendliche hinausziehen. Die Fetischisierung des Ökonomischen scheint sich plötzlich in eine Fetischisierung des Wissenschaftlichen umzuwandeln (während dies in Diskussionen um den Klimawandel eher umgekehrt der Fall ist, d.h. es besteht eine Fetischisierung des ökonomischen Dogmas, während wissenschaftliche Evidenzen vielerorts mit Gleichgültigkeit betrachtet werden).

Dennoch lässt sich die sofortige Handlungsbereitschaft der Menschen im Hinblick auf die derzeitige Situation erklären, denn die Unmittelbarkeit der derzeitigen Situation fordert ein unbedingtes Handeln, oder anders formuliert: ein Handeln, das nicht an Bedingungen geknüpft ist. In ihrer Unmittelbarkeit kann die derzeitige Katastrophe nicht über einen dritten Faktor – namentlich den Zeitabstand vom Gegenwärtigen zum Zukünftigen- aus einer mittelbaren Distanz betrachtet werden. Auch wenn der Klimawandel bereits die indirekten Vorboten der Gesamtbedrohung einer ökologischen Katastrophe deutlich werden lässt, wird uns im Hinblick auf COVID-19 das Ausmaß und die Direktheit der gegenwärtigen Problematik bewusst- wodurch wir nicht zuletzt zu einer unbedingten Form des Handelns veranlasst werden, welche das kantische Vernunftsubjekt in seiner praktischen Selbstrealisierung als notwendig gegeben voraussetzen.

Der deutsche Philosoph Karl Japsers hat in diesem Zusammenhang bereits treffend angemerkt:

„Erst die Unedingtheit des Guten erfüllt die bloßen Pflichten mit Gehalt, kann die sittlichen Motive zur Reinheit läutern, vermag den Vernichtungswillen des Hasses aufzulösen“ (Jaspers 1976, 66).

Jaspers unterscheidet zwischen bedingten– moralisch verwerflichen- und unbedingten – moralisch integren- Handlungen. Die Akutheit der derzeitigen Situation erfordert eben jenen Charakter des Unbedingten, welcher das Fundament unseres Handelns auf europäischer Ebene darstellen sollte. Moralisch verwerfliche Bedingungungen wie die des neoliberalen Profitstrebens dürfen nicht von den wirklich wichtigen Dingen ablenken, welche es derzeit zu bewältigen gilt. Mehr denn je scheint eine gemeinsame europäische Lösung der Krise erforderlich. Und wir täten gut daran, auch für zukünftige Krisen aus der derzeitigen zu lernen.

Quellen: 

Der egalitäre Aufklärer: COVID-19 und der Schleier des Nichtwissens

Im Jahr 1971 veröffentlichte der US-amerikanische Philosoph John Rawls sein magnum opus Eine Theorie der Gerechtigkeit. Grundlage von Rawls Theorie bildet die Freiheit und Gleichheit aller Menschen. Auch wenn Rawls sich im großen und ganzen auf politische Rechte und Freiheiten des Menschen beruft, lassen sich einige Aspekte seiner Überlegungen problemlos auf die gegenwärtige Situation um COVID-19 applizieren.

Um jedermann die gleichen Rechte und Freiheiten zu ermöglichen, bedarf es nach Rawls eines Gesellschaftsvertrages, welcher in einem Urzustand von verschiedensten Inidviduen geschlossen wird. Um eine derartige, von Gerechtigkeit geprägte Situation zu gewährleisten, geht Rawls von einem sogenannten „Schleier des Nichtwissens“ aus, welcher blind gegenüber den sozialen und natürlichen Unterschieden, die zwischen den verschiedenen Individuen vorherrschen, ist. In diesem Zusammenhang legt Rawls sehr ausführlich dar:

„Zu diesem Zweck setze ich voraus, daß sich die Parteien hinter einem Schleier des Nichtwissens befinden. Sie wissen nicht, wie sich die verschiedenen Möglichkeiten auf ihre Interessen auswirken würden, und müssen Grundsätze allein unter allgemeinen Gesichtspunkten beurteilen. Es wird also angenommen, daß den Parteien bestimmte Arten von Einzeltatsachen unbekannt sind. Vor allem kennt niemand seinen Platz in der Gesellschaft, seine Klasse oder seinen Status; ebensowenig seine natürlichen Gaben, seine Intelligenz, Körperkraft usw. Ferner kennt  niemand seine Vorstellung vom Guten, die Einzelheiten seines vernünftigen Lebensplanes, ja nicht einmal die Besonderheiten seiner Psyche wie seine Einstellung zum Risiko oder seine Neigung zu Optimismus oder Pessimismus. Darüber hinaus setze ich noch voraus, daß die Parteien die besonderen Verhältnisse in ihrer Gesellschaft nicht kennen, d.h. ihre wirtschaftliche und politische Lage, den Entwicklungsstand ihrer Zivilisation und Kultur. Die Menschen im Urzustand wissen auch nicht, zu welcher Generation sie gehören“ (Rawls 1971, 159-160).

Findet sich ein derartiger Schleier des Nichtwissens nicht auch bei dem SARS-CoV-2 Virus wieder? Ein Virus ist ebenfalls eine relativ egalitär agierende Entität- von einem Lebewesen kann man nicht einmal sprechen. Frei von jeglicher Form der semantischen Kategorienzuweisung sucht sich das Virus seinen jeweiligen Wirt aus – unabhängig von seinem sozialen Status, seinen natürlichen Gaben, seiner Intelligenz, seinen Vorstellungen von einem guten Leben, seinen psychologischen Dispositionen, geschweige denn von seiner wirtschaftlichen oder politischen Lage.

Kurzum: Das Virus scherrt sich nicht darum, wer wird sind; es kann jeden von uns treffen. Dies wird nicht zuletzt durch die rasant ansteigenden Infektionszahlen von Prominenten und Politikern deutlich. Bei einem Virus handelt es sich um eine relativ dümmliche Form der Existenz, welche nicht einmal einen eigenen Stoffwechselapparat besitzt und zur eigenen Vermehrung unweigerlich auf einen Wirt angewiesen ist. Die Dümmlichkeit seiner eigenen Existenz wird umso mehr durch den Schleier des Nichtwissens deutlich, welchen das Virus gegenüber seinem Wirt besitzt.

Umso paradoxer mutet die Tatsache an, dass der Wirt, welchen das Virus befällt, sich oftmals  durch ein hohes Maß an Intelligenz und kognitiver Komplexität auszeichnet. Trotz dieser assysmetrischen Machtstrukturen im Hinblick auf die natürlich gegebene Intelligenz, schafft es dieses dümmliche, mikrobische Etwas die gesamten aus dieser höheren Intelligenz entspringenden Gesellschafts- und Lebensstrukturen lahm zu legen. Hier wird der Egalitarismus des Virus gegenüber den höheren geistigen Daseinsformen umso deutlicher.

Darüber hinaus scheint das Virus- trotz seiner Abwesenheit intellektueller Kapazitäten- eine aufklärerische Funktion für das menschliche Zusammenleben bereit zu stellen. Es zeigt uns, dass viele Hypothesen, die wir bisher für richtig hielten, falsifiziert gehören. Dies wird nicht allein durch saubere Wasserkanäle in Venedig und saubere Luft in China deutlich, sondern auch dadurch, dass viele unserer bisherigen Wirtschaftsmodelle und unserer Vorstellungen von guter Arbeit und wirtschaftlichem Wachstum auf falschen Annahmen beruhen. Das Virus zeigt uns, dass vieles, was wir bisher für unmöglich hielten, möglich ist. Trotz der dunklen Zeiten, durch die wir im Moment alle gehen, sollte das emanzipatorische Potenzial dieses Virus die zunkünftige Menschheitsentwicklung zumindest bis zu einem gewissen Grad illuminieren. Dies setzt allerdings voraus, dass wir die ganze Sache nach wie vor ernst nehmen.

Quellen:

  • Rawls, J. (2008). Eine Theorie der Gerechtigkeit (1. Aufl., [Nachdr.].). Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Der Kampf um das Klopapier: Vom Mythos zum Logos?

Die Covid-19 Pandemie stellt die gesamte Weltbevölkerung vor einige Fragen, welche große Unsicherheiten erzeugen. Wann wird es ein Heilmittel geben? Wann können wir mit dem gesamtgesellschaftlichen Leben wie gewohnt fortfahren?
Es gibt jedoch noch eine weitere Frage, welche zwar absurd klingt, aber dennoch ernsthaft beantwortet werden möchte. Seit geraumer Zeit scheint es einen weltweiten Trend zu geben, bei welchem Unmengen von Klopapier gekauft werden. Im Februar haben Bewaffnete in Hongkong beispielsweise Toilettenpapier im Wert von 200 Euro geraubt. In einem australischen Supermarkt wurden 3 Frauen in einem Supermarkt handgreiflich, da sie sich gezwungen sahen, um die letzte Packung Klopapier zu streiten (vgl. Simon 2020). Auch in Deutschland steht man verzweifelt vor leeren Klopapierregalen und fragt sich, ob bald die Dusche herhalten muss; was zwar ungewöhnlich, aber angeblich dennoch hygienischer sein soll. Als ob dies noch nicht genug wäre, machen zudem auch noch aufgebrochene Autos die Schlagzeilen, aus denen große Rationen Klopapier entwendet wurden. Bei all dem scheint die Frage mehr als berechtigt, was eigentlich in den Köpfen dieser Menschen vorgeht. Haben sie Teil an irgendeiner Form der Verschwörungstheorie, welche einem Großteil der Weltbevölkerung noch nicht zugänglich gemacht wurde? Haben Coronaviren eine derartige Angst vor Klopapier, wie es bei Vampiren und Knoblauch der Fall ist? Sollte dies zutreffen, sind die Hamsterkäufe mehr als verständlich. Nein, sie wären eigentlich in ihrem Gesamtwesen durch und durch rational. Aber das sind sie nicht, da man mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen kann, dass die zuvor angerissenen Erklärungsansätze schlicht und ergreifend nicht zutreffen.
Die Erklärung, warum diese Hamsterkäufe stattfinden gibt es eigentlich schon. Zudem muss man hinzufügen, dass diese auch nicht durch ein sonderlich hohes Maß an Komplexität gekennzeichnet ist.
Einen Teilaspekt dieser Erklärung stellt der medial und gesellschaftlich erzeugte Druck dar. Man liest in den Nachrichten oder hört von dem Nachbarn, dass die Klopapierregale leer stehen und der Teufelskreis der Panik beginnt. Man kauft möglichst viel Klopapier, damit man möglichst viel abbekommt, da die anderen einem ja zuvor kommen könnten. Die Wirtschaftspsychologin Achtziger macht in diesem Kontext darauf aufmerksam, dass der Mangel an Klopapier weniger von der tatsächlichen Gefahr eines derartigen Mangels erzeugt wird, sondern von der Angst vor einem derartigen Mangel (vgl. Simon 2020).

„Somit erzeugt also weniger die unmittelbare Bedrohung den Mangel, sondern die Angst davor. Die Angst vor einem Mangel, den wir erst durch unser Handeln auslösen, weil wir mehr kaufen, als wir brauchen. Wer deshalb leer ausgeht, fühlt sich spätestens jetzt beunruhigt. So wird aus den Erscheinungen einer irrationalen Angst plötzlich ein konkreter Grund zur Panik“ (Simon 2020).

An dieser Stelle wird etwas äußerst interessantes deutlich. Ein ursprünglich irrationales Verhalten- möglichst viel Klopapier hamstern, obwohl Klopapier bei Weitem nicht das Wichtigste für das eigene Überleben darstellt- löst ein letztendlich durch und durch rationales Verhalten aus. Wenn man unter Rationalität versteht, dass sich der eigene Handlungsvollzug auf den Grundoperatoren des eigenen Verstandes gründet (vgl. Godin 2012, 144), so scheint diese Überlegung zu stimmen. Die ursprünglich irrationale Angst, dass es einen Mangel an Klopapier geben wird – obwohl dies nicht ansatzweise den Tatsachen entspricht- führt letztendlich zu einem Handeln, was diese Angst plötzlich berechtigt erscheinen lässt. Das ursprünglich von Irrationalität geprägte Handeln transformiert sich letztendlich durch eine Art self-fulfilling prophecy zu einen rationalen Handlungsakt, welcher sich durch die real existierende Gefahr eines tatsächlich existierenden Klopapiermangels legitimieren lässt. Demnach scheint es durch und durch rational so viel Klopapier wie möglich zu hamstern, da man von dem Verhalten der Mitbürger weiß und zudem weiß, dass Klopapier durch dieses Verhalten mittlerweile zur Mangelware geworden ist.
Der kausale Ursprung der gesamten abendländischen Philosophie wird, einem allgemeinen Narrativ folgend, oftmals durch die Transformation vom Mythos zum Logos erklärt. In diesem Zusammenhang bezeichnet der Begriff des Mythos Erzählungen, welche ihre Legitimation aus epistemischen Bedingungen des Glaubens beziehen und durch eine Abwesenheit kritischen Hinterfragens und kritischer Reflexion gekennzeichnet sind. Der Logos hingegen beruht auf dem Verstand und ist durch eben jene Form kritischen Hinterfragens gekennzeichnet (vgl. Godin 2012, 108).
Auch wenn dies zunächst absurd klingen mag, aber findet bei den derzeitigen, von Exzessen geprägten Klopapierkäufen, nicht genau ein derartiger Übergang vom Mythos zu Logos statt? Am Anfang steht zunächst die mythische Vorstellung, dass es nicht genügend Klopapier gibt. Obwohl diese Vorstellung jegliche Form des Vernunftgebrauchs entbehrt, führt sie letztendlich dazu, dass Menschen sich gezwungen sehen mittels ihres Verstandes zu agieren. Die für den Menschen einzige rationale, logische Handlungsweise scheint demnach darin zu bestehen, möglichst viel zu hamstern, da die anderen es sonst wegnehmen könnten. Das eigene Handeln ist also als eine durch den eigenen Verstand geprägte Reaktion auf eine real existierende Gefahr zu verstehen, welche ursprünglich nicht dagewesen ist. Was ursprünglich der Logos war („Es gibt genug Klopapier“) ist mittlerweile zum Mythos geworden, da es tatsächlich nicht mehr genug Klopapier gibt. Und das nur, weil der ursprüngliche Logos mystifiziert wurde. Hieraus lässt sich wiederum schlussfolgern, dass es mittlerweile ein Mythos wäre zu denken, dass genug Klopapier vorhanden ist. Die panischen Hamsterkäufe der Menschen haben also letztendlich zu einer Negation des ursprünglichen Logos beigetragen und diesen zu einem Mythos um transformiert.
Letztendlich bleibt jedoch die Frage nach den Grundmechanismen zu stellen, welche derartigen Reaktionen kollektiver Panik zugrunde liegen. In seinem 1895 erschienenen Werk Die Psychologie der Massen hebt der französische Universalgelehrte Gustave Le Bon folgendes hervor:

„Die Hauptmerkmale des einzelnen in der Masse sind also: Schwinden der bewussten Persönlichkeit, Vorherrschaft des unbewussten Wesens, Leitung der Gedanken und Gefühle durch Beeinflussung und Übertragung in der gleichen Richtung, Neigung zur unverzüglichen Verwirklichung der eingeflößten Ideen“ (Le Bon 1895, 37).

Kommt nicht auch genau jenes unbewusste, durch (panische) Gefühle geleitete Verhalten, welches seine sofortige Verwirklichung sucht, auch bei den derzeitig exzessiven Klopapierkäufen zum Vorschein?

Quellen:

COVID-19 und die Neuerfindung des Menschseins?

In seinem Essay Der Existentialismus ist ein Humanismus fand der französische Philosoph Jean-Paul Sartre über die conditio des Menschen folgende Worte:

„Wenn es auch unmöglich ist, in jedem Menschen ein allgemeines Wesen zu finden, das die menschliche Natur wäre, gibt es dennoch eine menschliche Allgemeinheit der conditio. Es ist nicht zufällig, daß die heutigen Denker lieber von der conditio des Menschen als von seiner Natur sprechen. Unter Bedingung- conditio – verstehen sie mehr oder weniger klar die Gesamtheit der Grenzen a priori, die seine grundlegende Situation im Universum umreißen. […] Die Grenzen sind weder subjektiv noch objektiv, oder besser, sie haben eine objektive und eine subjektive Seite. Objektiv, weil man überall auf sie stößt und sie überall zu erkennen sind, subjektiv, weil sie gelebt und nichts sind, wenn der Mensch sie nicht lebt, das heißt, wenn er sich nicht in seiner Existenz frei im Verhältnis zu ihnen bestimmt“ (Sartre 1946, 166)

Hier weist Sartre bereits treffend darauf hin, dass das Menschsein an sich untrennbar mit dem Vorhandensein sowohl objektiver als auch subjektiver Grenzen verbunden ist. Menschsein bedeutet immer zugleich die  naturgegebene Limitation. Doch erst durch die subjektive Anerkennung dieser Grenzen konstituiert sich laut Sartre die menschliche Freiheit. Appliziert man einen deratigen Gedankengang auf die gegenwärtige Lage mit COVID-19, so wird zunächst deutlich: Wir werden uns das erste Mal der objektiven Grenzen- welche konstituttiv für unsere conditio sind- bewusst. Dennoch fällt die subjektive Anerkennung dieser Grenzen uns nach wie vor schwer. Wir möchten nicht wahrhaben, dass der Mensch- mit allen seinen wissenschaftlichen Errungenschaften, künstlerischen und kulturellen Leistungen- letztendlich durch die Bedrohung eines kleinen Virus in seiner ganzen, auf Freiheit beruhenden, kulturellen Daseinsform eingeschränkt werden soll. Wir müssen uns plötzlich auf subjektiver Ebene mit der Tatsache konfrontiert sehen, dass der Mensch nicht mehr als eine eingebündelte Entität inmitten eines größeren Naturkreislaufes ist. Folglich bestimmen die Grenzen der Natur auch die Grenzen des menschlichen Daseins- und damit auch die Grenzen seiner Möglichkeiten. Dennoch sei an dieser Stelle nicht zu vergessen, dass sich gerade durch die Anerkennung ebendieser Grenzen die menschliche Freiheit konstituiert. All unsere kulturellen Errungenschaften sind ein Produkt unserer freien, kreativen Tätigkeiten. Auch wissenschaftlicher Progress ist ohne die dem Menschen innewohnende Freiheit nicht denkbar. Von daher ist es jetzt wichtiger denn je, dass wir all unsere positiven Freiheiten – zumindest temporär- aufgeben, um unsere negativen Freiheiten vor der realen Gefahr zu schützen.

Der italienische Virologe Roberto Burioni hat in diesem Kontext bereits treffend angemerkt:

„Wir führen Krieg gegen einen Feind, der unsere Gewohnheiten ausnutzt“ (Rizzello 2020).

Das Virus schien den Menschen dort zu treffen wo er am empfindlichsten ist. An genau der Stelle, die den Menschen von den anderen Spezies dieses Planeten unterscheidet. Paradoxerweise kann der Mensch jedoch gerade jetzt das Virus widerlegen, indem er seine Freiheit nicht als selbstverständlich anerkennt. Damit würde nicht nur seine Überelgenheit bewiesen, sondern auch seine Freiheit auf lange Sicht zurückgewonnen werden.

Die Absurdität dieser Herausforderung tritt umso deutlicher zutage, wenn man sich vergegenwärtigt, was ein Virus eigentlich ist. Laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sind Viren

„[…] relativ einfach aufgebaut. Sie bestehen aus einem oder mehreren Molekülen und sind manchmal von einer Eiweißhülle umgeben. Die Moleküle enthalten das Erbgut – also die DNA oder RNA – mit den Informationen zu ihrer Vermehrung. Anders als Bakterien bestehen Viren weder aus einer eigenen Zelle noch haben sie einen eigenen Stoffwechsel. Sie haben keine eigene Energiegewinnung und keine Möglichkeit zur Proteinsynthese. Deshalb sind sie streng genommen auch keine Lebewesen.
Viren sind winzig, nur rund 20 bis 300 Nanometer groß. Deshalb kann man sie unter einem gewöhnlichen Lichtmikroskop auch nicht erkennen, sondern benötigt ein Elektronenmikroskop. Viren treten in vielen verschiedenen Formen auf. Einige Viren sehen beinahe wie Kaulquappen mit einem langen Schwanz aus, andere sind rund oder auch stäbchenförmig“ (vgl. ebd.).

Ganz einfach ausgedrückt: Im Gegensatz zum Menschen kann man bei Viren von einer relativ schlichten Form des Daseins sprechen, welche sich durch ein vergleichsweise geringes Maß an Komplexität auszeichnet und nicht einmal wirklich die Bezeichnung eines Lebewesens verdient. Dass diese Form der Simplizität uns nun dazu zwingt all die Komplexitäten unseres Daseins zunichte zu machen, scheint eine der größten kognitiv-emotionalen Herausforderungen vor der wir jetzt stehen.

Dies wird von dem slowenischen Philosophen Slavoj Zizek noch einmal mit Nachdruck hervorgehoben:

„What we should accept, what we should reconcile ourselves with, is that there is a sub-layer of life, the undead, stupidly repetitive, pre-sexual life of viruses, which always was here and which will always be with us as a dark shadow, posing a threat to our very survival, exploding when we least expect it. And at an even more general level, viral epidemics remind us of the ultimate contingency and meaninglessness of our lives: no matter how magnificent spiritual edifices we, humanity, bring out, a stupid natural contingency like a virus or an asteroid can end it all… […]“ (Zizek 2020).

Durch die Bedrohung einer derart simplen Daseinsform wie der eines Virus, wird plötzlich jegliche semantische Bedeutungszuweisung, jegliche Form der Komplexität, welche wir dem menschlichen Dasein bisher zugeordnet haben, auf eine unheimliche Art und Weise relativiert.

Dennoch können sich aus der derzeitigen Situation auch hoffnungsvolle Aussichten für das zukünftige Leben des Menschen ergeben, da wir dazu gezwungen sind ein neues Verhältnis zu uns selbst, unseren Mitmenschen und zur Natur zu gewinnen. Wir haben die Möglichkeit, wieder zu kontemplativeren Daseinsformen zurückzufinden, statt uns vom Hamsterrad des blinden Aktionismus geißeln zu lassen. Auch wenn wir gezwungen sind, grundsätzliche Konzeptionen menschlicher Freiheit neu zu denken, können wir gestärkt aus diesem Reflektionsprozess hervorgehen.  Wir haben jetzt die einzigartige Möglichkeit die strukturellen Rahmenbedingungen unserer Daseinsfrom gezielt in Frage zu stellen und können erkennen, dass eine Abwendung des Katastrophalen nur in Solidarität zu meistern ist. Dies scheint natürlich umso paradoxer, wennn man überlegt, dass der Solidaritätsbegriff gerade ebenfalls eine semantische Transformation durchläuft, da wir im Moment die größte Zuneigung durch sozialen Abstand ausdrücken.

Darüber hinaus scheint es sinnvoll, darüber nachzudenken, ob nicht die  temporäre Negation des Sozialen, die temporäre Einschränkung grundlegender positiver Freiheitsrechte zum Schutz der notwenigen Bedingung des Lebens, welches als negative Form der Freiheit von erst jedwede positive Form der Freiheit zu  ermöglicht.

Auch hier sei noch einmal Sartre zu zitieren:

„Wir wollen die Freiheit um der Freiheit willen und unter jedem Umstand. Und die Freiheit wollend, entdecken wir, daß sie ganz von der Freiheit der anderen und daß die der anderen von unserer Freiheit abhängt. Gewiß hängt die Freiheit als Definition des Menschen nicht von anderswem ab, aber sobald ein Engagement vorliegt, bin ich gezwungen, gleichzeitig mit meiner Freiheit die der anderen zu wollen, ich kann meine Freiheit nur zum Ziel machen, indem ich  auch die der anderen zum Ziel mache“ (Sartre 1946, 172)

Unsere eigene Freiheit ist untrennbar mit der Freiheit der anderen verbunden. Die radikalste Form der Freiheitsliebe wäre es, die eigene Freheit zugunsten der Freiheit der anderen zurückzustellen, um dafür zu sorgen, dass das grundlegendste Freiheitsrecht auf Leben gewahrt bleibt. Diese moralische Verantwortung muss dem Einzelnen sofort klar werden. Auch Ausgehsperren sollten eine realistische Möglichkeit darstellen, sollte der Mensch dem aus seiner eigenen Autonomie entspringenden Vernunftgebrauch durch sein praktisches Handeln zu widerlegen gedenken. John Stuart Mill, einer der größten liberalen Denker des 19. Jahrhunderts, hat in diesem Kontext bereits treffend angemerkt:

„Aber obwohl diese Behauptung wahrscheinlich theoretisch nicht zu bestreiten ist, so bleibt doch die praktische Frage- wie der passende Ausgleich zwischen individueller Unabhängigkeit und sozialer Kontrolle zu schaffen wäre- ein Problem, das noch gänzlich ungelöst ist. Alles, was das Dasein für jeden von uns lebenswert macht, hängt davon ab, dass man die Beschränkung der Tätigkeit anderer durchsetzt. Gewisse Verhaltensregeln müssen daher auferlegt werden, vor allem durch das Gesetz […]“ (Mill 1859, 21).

Hier macht Mill auf den treffenden Punkt aufmerksam, dass es ein grundlegendes Gebot unseres Vernunftgebrauchs sein sollte, eine Einschränkung unserer Freiheiten vorübergehend in Kauf zu nehmen um auf lange Sicht das zu retten, was uns als Menschen definiert: Leben und damit untrennbar verbunden- die positive Selbstverwirklichung unserer eigenen Anlagen. Von daher liegt der Epidemiologe Karl Lauterbach mehr als richtig, wenn er sagt, dass wir die Lage endlich ernst nehmen sollten und es anderen Ländern wie Italien, Österreich oder Frankreich gleich tun sollten und endlich Ausgangssperren verhängen. Ansonsten rasen wir mit Lichtgeschwindigkeit auf eine Katastrophe zu! (Lemkemeyer 2020).

Quellen:

Haben oder Sein: Erich Fromm und die Krise des Menschen im 21. Jahrhundert

Klimawandel, Armut, Krieg, soziale Ungerechtigkeiten. All diese Dinge werden äußerst gerne – und das nicht ganz zu Unrecht- mit den Verwerfungen und negativen Konsequenzen des modernen Kapitalismus in Vebrindung gebracht. Mit kritischem Auge mag man sich vielleicht weigern, einen Kausalzusammenhang zu sehen, aber unübersehbare Korrelationen scheinen nichts desto trotz vorhanden.

Es soll an dieser Stelle jedoch nicht das Ziel sein, über die globalen Probleme zu sprechen, welche der der moderne Marktradikalismus verursacht hat. Es soll auch nicht für neue Formen des Kommunismus plädiert werden.

Vielmehr soll untersucht werden, was der Kapitalismus mit dem Charakter des einzelnen Menschen gemacht hat. Nicht zuletzt, da der Charakter des Einzelnen den Charakter der Gesellschaft(en), in welcher/n wir leben, auf eine nicht unwesentliche Art und Weise beeinflusst. Erich Fromm hat in seinem Werk Haben oder Sein bereits angemerkt,

„[…] daß die Charakterstruktur des Individuums und die sozioökonomische Struktur der Gesellschaft, der dieses angehört, miteinander in Wechselbeziehung stehen“ (Fromm, 1976, 163).

Aus diesem Wechselspiel wiederum entsteht laut Fromm der sogenannte Gesellschaftscharakter, welcher in einem Verhältnis mit der allgemeinen Struktur einer Gesellschaft steht (vgl. ebd.).

Fromm macht in diesem Kontext berechtigterweise darauf aufmerksam, dass Revolutionen- oder etwas milder ausgedrückt- gesellschaftliche Veränderungen, in erster Linie beim Individuum anfangen. Individuelle Veränderungen bilden demnach die Prädispositionen für die sozialen, ökonomischen und kulturellen Modifikationen eines Gesellschaftsbildes.

Es ist bemerkenswert, dass Fromm in seinem 1976 erschienenen Buch eine psychische,ökonomische  und ökologische Katastrophe prohezeit, mit welcher die Menschheit sich in naher Zukunft konfrontiert sehen muss.

Fromms neuer Menschheitscharakter, welcher die prognostizierte öknonomische Katastrophe abwenden soll, zeichnet sich durch

„[…] ein Zurückdrängen der Orientierung am Haben zugunsten der am Sein […]“

aus (Fromm, 1976, 205).

Sowohl das Haben als auch das Sein sind Existenzweisen, welche einen nicht unwesentlichen Einfluss auf den Menschen, sein Wirken und damit auf die Menschheit insgesamt ausüben.

Die Existenzweise des Habens leitet sich vom Privateigentum ab und Fromm führt in diesem Zusammenhang prägnant aus:

In dieser Existenzweise zählt einzig und allein die Aneignung und das uneingeschränkte Recht, das Erworbene zu behalten. Die Habenorientierung schließt andere aus und verlangt mir keine weiteren Anstrengungen ab, um meinen Besitz zu behalten bzw. produktiven Gebrauch davon zu machen. […] In der Existenzweise des Habens gibt es keine lebendige Beziehung zwischen mir und dem, was ich habe. Es und ich sind Dinge geworden, und ich habe es, weil ich die Möglichkeit habe, es mir anzueignen. Aber es besteht auch die umgekehrte Beziehung: Es hat mich, da mein Identitätsgefühl bzw. meine psychische Gesundheit davon abhängt, es und so viele Dinge wie möglich zu haben“ (Fromm, 1976, 97-98).

Eben jene auf Gegenseitigkeit beruhende Aneignung zwischen Subjekt und Objekt, welche letztendlich zur unausweichlichen Determinierung des Individuums führt und damit zur Transformation zum Dividuum, dessen psychologische Struktur nahezu äquivalent mit der des Gesellschaftscharakters ist, bilden die Quintessenz des Habensmodus. Es ist genau diese Existenzweise, welche in David Finchers großartiger Romanverfilmung Fight Club von Tyler Durden- einem der beiden Protagonisten- kritisiert wird, als dieser warnend darauf hinweist: „Alles was du hast, hat irgendwann dich“.

Aber es geht nicht nur um das problematische Verhältnis zwischen Mensch und Ware, sondern auch darum, dass der Mensch und damit einhergehend alle zwischenmenschlichen Beziehungen, selbst auf Dauer zu einer Art Warencharakter verkommen, welcher nicht nur jegliche Art von Individualität zerstört, sondern auch zu einem Objektivierungsprozess des Subjektiven führt. Für den  US-amerikanischen  Philosophen Michael Sandel macht sich dies  in seinem Buch Was man für Geld nicht kaufen kann. Die moralischen Grenzen des Marktes durch den Wandel von einer Marktwirtschaft zu einer Marktgesellschaft bermerkbar (Sandel, 2012).

Fromms Gegengift ist die Existenzweise des Seins, welche in unserer heutigen Gesellschaft nahezu abhanden gekommen scheint. Auch wenn diese Existenzweise in einer derartigen Präzision, wie Fromm sie beschrieben hat, in einem kurzen Artikel wie diesen nicht dargestellt werden kann, soll dennoch der Versuch unternommen werden die essentiellen Merkmale von ebendieser Existenzweise darzustellen. Fromm definiert „[…] Unabhängigkeit, Freiheit und das Vorhandensein kritischer Vernunft[…]“ als die Grundvoraussetzungen für die Existenzweise des Seins und führt weiter aus:

„Ihr wesentliches Merkmal ist die Aktivität, nicht im Sinne von Geschäftigkeit, sondern im Sinne eines inneren Tätigseins, des produktiven Gebrauchs der menschlichen Kräfte. Tätigsein heißt, seinen Anlagen, seinen Talenten, dem Reichtum menschlicher Gaben Ausdruck zu verleihen, mit denen jeder- wenn auch in verschiedenem Maß- ausgestattet ist. […] Nur in dem Maße, in dem wir die Existenzweise des Habens bzw. des Nichtseins abbauen (das heißt aufhören, Sicherheit und Identität zu suchen, indem wir uns an das anklammern, was wir haben, indem wir es >>be-sitzen<<, indem wir an unserem Ich und unserem Besitz festhalten), kann die Existenzweise des Seins durchbrechen. Um zu sein, müssen wir unsere Egozentrik und Selbstsucht aufgeben bzw. uns arm und leer machen, wie es die Mystiker oft ausdrücken“ (Fromm, 1976, 111).

Sein führt wieder zurück zu einer Subjektivierung des Subjektiven, wodurch das Dividuum wieder zum Individuum wird und seinen eigenen Fähigkeiten wieder voll und ganz Ausdruck verleihen kann. Diese Aktivität der Verwirklichung des eigenen Selbst impliziert laut Fromm jedoch gerade nicht jegliche Form der ökonomischen Geschäftigkeit, sondern vielmehr – ganz im Sinne des Diogenes- das kontemplative Leben, welches durch einen Zustand externalisierter und objektiver Passivität und einer simultanen Inkraftwerdung internaliserter und subjektiver Aktivität gekennzeichnet ist.

Quellen: 

  • Fromm, E. (1976). Haben oder Sein: Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. Stuttgart: Dt. Verl.-Anst.
  • Sandel, M. J. (2012). Was man für Geld nicht kaufen kann: Die moralischen Grenzen des Marktes (5. Aufl.). Berlin: Ullstein.

Über Militär und Moral: Zum Tod Soleimanis

Zu denken, dass die Tötung Soleimanis zu einer Konfliktentstehung zwischen den USA und dem Iran beigetragen hat, ist eine grobe Fehleinschätzung. Vielmehr ist der gesamte Vorfall als eine Art Klimax eines bereits länger bestehenden Konfliktes zu betrachten, welcher sich auf eine Akkumulation verschiedener politischer und ökonomischer Interessen und Werthaltungen zurückführen lässt. Eine normative Analyse dieser Werte und Interessenkonflikte scheint jedoch zu komplex, um an dieser Stelle auf eine adäquate Art und Weise behandelt werden zu können.

Genau so belanglos scheint die Frage, ob Soleimani ein in moralischer Hinsicht guter oder schlechter Mensch war. Eine derartige Fragestellung mag unter anderen Umständen durchaus legtimierbar sein, spielt jedoch in Anbetracht der gegenwärtigen politischen Lage eine unter normativen Gesichtspunkten eher untergeordnete Rolle. Die Frage nach der moralischen Integrität von Soleimani ist nicht zuguterletzt selbst sowohl intra-, als auch interkulturellen Relativismen unterworfen. So feiern die einen ihn als einen Märtyrer, da er den Iran durch seine exterritorialen Militäroperationen vor dem IS-schützte. Und die anderen wiederum kritisieren Soleimanis Operationen im Ausland, da diese zu einem Export der Werte der Iranischen Revolution von 1979 führten (vgl. Hommerich, 2020). Die Pluralität an Einstellungen gegenüber Soleimani selbst innerhalb des Irans deutet darauf hin, dass die Komplexität der gegenwärtigen Lage sich einer eindimensionalen moralischen Analyse schlicht und ergreifend entzieht.

Es geht genau so wenig darum zu kritisieren, ob und wann die USA Kriegsverbrechen begangen haben und sich nicht dafür entschuldigt haben- auch wenn dies unter moralischen Gesichtspunkten durchaus eine Diskussion wert wäre. Simple Schuldzuweisungen, schwarz-weiß-dualistische Moralattribuierungen; all dies scheint im Angesicht der derzeitigen Lage belanglos. Ein Verweis auf vergangene Gäueltaten  wie amerikanische Abschüsse von Passagierflugzeugen, oder die Frage ob Soleimani nicht auch nur fiese Imperialismusbestrebungen im Nahen Osten verwirklicht hatte (vgl. ebd.) scheinen in diesem Kontext- so schwer man das auch einsehen mag- ebenfalls nicht von Belangen zu sein, da wir uns sonst in unnötigen whataboutismen und naturalistischen Fehlschlüssen verfangen.

Eine klare, deskriptive Analyse der derzeitigen Umstände fordert vielmehr dazu auf, über die Relation von militärischen Einsätzen und ihren moralischen Implikationen auf einer Meta-Ebene nachzudenken. Anders formuliert scheint es notwendig, zunächst auf einer  von dem konkreten Einzelfall losgelösten Ebene nachzudenken. Viel bedeutsamer ist es, über das grundsätzliche Verhältnis von militärischen (Auslands-)Einsätzen und ihren moralischen Implikationen auf einer abstrakten Ebene  nachzudenken.

Wie Joseph S. Nye, Jr in seinem Artikel Why Morals Matter in Foreign Policy richtigerweise darlegt, stellt sich die Frage nach den  normativen Rahmenbedingungen bei militärischen Auslandseinsätzen nicht, da Staaten sich in erster Linie selbst verteidigen müssen und, wenn es um das nackte Überleben  geht, der Zweck meist die Mittel heiligt (vgl. Nye, Jr, 2020). Dennoch ist es falsch, derartige Einsätze ohne Berücksichtigung ihrer moralischen Implikationen zu betrachten.

Gute moralische Reflektionsfähigkeit verlangt- gerade in Applikation auf die gegenwärtige Situation-, dass der Reflektionsprozess selbst auf einer dreidimensionalen Justifikationsebene aufzubauen hat. Dieser drei-dimensionale normative Reflektionsprozess setzt sich zusammen aus:

(I) dem Abwägen von Absichten, 

(II) den möglichen Konsequenzen, welche eine mögliche Befolgung ebendieser Absichten nach sicht zieht, und 

(III) den Mitteln zur Erreichung dieser Absichten (vgl. ebd., 2020).

Analysieren wir die gegenwärtige Lage von einem normativ zugespitzten Standpunkt dieser drei Dimensionen,  ist zunächst nach den Absichten selbst zu fragen.

Die Tötung Soleimanis wurde dadurch gerechtfertigt, dass dieser ein Killer sei. Das mag aus einer gewissen Perspektive stimmen, aber rechtfertigt das die Absicht ihn zu töten? Gerade unter Einbezug der durchaus nicht ungefährlichen, internationalen Konsequenzen, welche dies wohlmöglich nach sich zieht?

Viel fragwürdiger scheint noch, dass der Tötungsangriff auf Soleimani sich durch  keinen klar identifizierbaren, zeitlich nahe zurückliegenden kausalen Ursprung rechtfertigen lässt. Auch Berufungen auf Theorien des Gerechten Krieges scheinen in diesem Kontext nicht stichhaltig. Denn dies würde voraussetzen, dass dem ganzen zuvor bereits eine offizielle Kriegserklärung vorausgegangen ist. Der in Princeton lehrende Moralphilosoph Peter Singer hebt dies besonders deutlich hervor, wenn er schreibt

„If senior State Department officials believe that the US is engaged in a just war with Iran […]  the killing of Suleimani makes sense. According to standard just war theory, you may kill your enemies whenever you have the chance to do so, as long as the importance of the target outweighs the so-called collateral damage of harm to innocents.

But the US is not at war with Iran. The US Constitution gives Congress the sole authority to declare war, and it has never declared war on Iran. Speaker of the House Nancy Pelosi suggested that congressional leaders should have been consulted on the plan to kill Suleimani. If it was an act of war, she is right.

If, on the other hand, the killing was not an act of war, then, as an extrajudicial assassination that was not necessary to prevent an imminent attack, it was both illegal and unethical. It risks severe negative consequences, not only in terms of escalating tit-for-tat retaliation in the Middle East, but also by contributing to a further decline in the international rule of law“ (Singer, 2020).

Singer macht berechtigterweise darauf aufmerksam, dass eine Tötung Soleimanis unter Bezugnahme auf die Theorie des Gerechten Krieges gerechtfertigt sei, sofern überhaupt eine Kriegserklärung dem Ganzen vorausgegangen wäre.

Die Realität ist jedoch, dass sich die USA- ungeachtet aller Spannungen- nicht in einem offiziellen Krieg mit dem Iran befanden. Laut der US-amerikanischen Verfassung hat der Kongress die alleinige Entscheidungsgewalt anderen Ländern den Krieg zu erklären. Da dieser dem Iran jedoch nie den Krieg erklärt hatte und, laut Pelosi, niemand der Kongressabgeordneten über die Attacke auf Soleimani im Voraus informiert wurde, werden die moralischen Verwerflichkeiten dieses militärischen Angriffs mehr als deutlich. Die offizielle Unterminierung des international geltenden Rechts, sowie die Annahme sich in der Position zu sehen, mögliche -jedoch nicht absehbare- zukünftige Verbrechen durch Tötung zu bestrafen, machen den gesamten Vorfall nicht nur moralisch verwerflich, sondern auch aus juristischer Sicht illegal.

Betrachtet man Singers Statement erneut unter Rückbezug auf die drei zuvor erwähnten normativen Justifikationsebenen, so wird zudem deutlich, dass die Konsequenzen zur Befolgung der Absicht ebenfalls die moralische Verwerflichkeit des gesamten Vorfalls verdeutlichen. Es scheint nicht unwahrscheinlich, dass die gesamte Entscheidung den Verlust vieler weiterer Menschenleben nach sich zieht. Und auch das Mittel selbst- das Töten – scheint im Hinblick auf seine ethische Verwerflichkeit außer Frage zu stehen.

In der von Singer angedeuteten- und von Michael Walzer ausgearbeiteten- Theorie des Gerechten Krieges unterscheidet man zwischen dem Recht zum Kriege (Ius ad bellum) und dem geltenden Recht während eines Krieges (Ius in bello).

In diesem Kontext scheint jedoch lediglich das Ius ad bellum von primären Interesse.

Das Ius ad bellum setzt sich aus sechts Komponenten zusammen:

(1) der kompetenten Autorität, 

(2) der Existenz eines rechtfertigenden Grundes (causa iusta), 

(3) einer richtigen Absicht (recta intentio), 

(4) dem Krieg als letztes Mittel (ultima ratio), 

(5) einer vernünftigen Erfolgswahrscheinlichkeit des Krieges, 

(6) sowie der Verhältnismäßigkeit der Reaktion (d.h. der Entscheidung, militärische Gewalt anzuwenden) (vgl. Mayer, 2005, 8).

Unter Ausklammerung der ersten Komponente, sei zunächst danach zu fragen, ob die übrigen Punkte auf den militärischen Angriff zutreffen, bzw. ob sich dieser unter Bezugnahme auf die vorliegenden Punkte rechtfertigen lässt. Die Existenz einer causa iusta wurde bereits zuvor bestritten, da der US-Kongress dem Iran zum einen nicht offiziell den Krieg erklärt hatte und zum anderen keine temporal naheliegende kausale Rechtfertigung für den Agriff ausfindig zu machen war.

Nun zur Frage nach der recta intentio. Lag dem Angriff eine richtige Absicht zugrunde? Das maßgebliche Problem scheint in diesem Zusammanhang, dass man sich nur auf offizielle Verlautbarungen seitens der US-Regierung berufen kann und damit unweigerlich Ambiguitäten zwischen offiziellen statements und den wahren Intentionen in Kauf nehmen muss. Denkt die US-Regierung wirklich, dass Soleimani ein derartig gefährlicher Killer war, dass man ihm aus dem Weg räumen musste? Oder könnten auch ökonomische Interessen, wenn nicht gar Ablenkungen vom Wahlkampf- Stichwort Ukraine-Affäre- dahinter stecken? Man weiß es nicht, aber egal was zutrifft- fragwüdig scheint der Angriff nichts desto trotz. Unter diesem Gesichtspunkt lässt sich auch die 6 Komponente entschieden zurückweisen.

Nun zum Punkt der ultima ratio. War Krieg das letzte Mittel? Unabhängig davon, dass kein offizieller Krieg deklariert wurde, scheint es offensichtlich, dass die USA zu einer unnötigen Verschärfung eines bereits länger andauernden Konfliktes beigetragen haben. Auch wenn es seitens des Irans deutliche Fehler gab, wäre die ganze Situation- und das macht die unendliche Tragik der gegenwärtigen Lage aus- auf diplomatischem Wege lösbar gewesen. Die Verhandlungen haben doch bereits begonnen!

Betrachtet man die fünfte Komponente, so ist zunächst danach zu fragen, wie man Erfolg definiert. Militärisch sind die USA sicherlich stärker. Dennoch stehen ohne Frage sehr viele unschuldige Menschenleben auf dem Spiel. Darüber hinaus scheint der Angriff nicht nur zu einer unnötigen Verschlechterung der Lage im ohnehin schon destablisierten Nahen Osten beigetragen zu haben, sondern auch auf einer globalen Ebene weitreichende Konsequenzen nach sich zu ziehen.

Ob man das als Erfolg interpretieren mag, scheint allerdings fraglich.

Quellen: 

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.

Nach oben ↑